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Wir wollten helfen – und wurden zur «Konkurrenz»

- Ein Artikel von Larissa Neu -

Die Gedanken sind bekanntlich frei und die Gedanken und Erinnerungen, die mich seit 22 Jahren zu meinem Ehrenamt begleiten, sind es auch. Gute und schlechte.

Was in Deutschland als Ehrenamt bezeichnet wird, ist in vielen Ländern einfach «Hilfsbereitschaft», eine Selbstverständlichkeit. Man hilft dort, wo es geht, wenn man gebraucht wird. Man erwartet nicht Dankbarkeit oder Anerkennung. Du wirst gebraucht – und dann geht es los. In einem solchen Land bin ich aufgewachsen und habe es gelernt und schätzen gelernt, Menschen zu helfen. In Berlin lernte ich dann, dass Ehrenamt auch andere Eigenschaften haben kann. Dass es nicht selbstverständlich sein muss. Dass es Werbung dafür braucht, dass Preise dafür vergeben werden…

© Migrationsrat Berlin e.V.

Die Anfänge 

Die ersten Monate in Deutschland waren allein durch die fehlenden Deutschkenntnisse sehr anstrengend. Diese Erfahrung werde ich nie vergessen. Plötzlich fühlst du dich komplett von der ganzen Welt isoliert und ausgegrenzt, ein furchtbares Gefühl! Während des Sprachkurses haben wir, eine Gruppe von Spätaussiedler_innen, entschieden, uns zu organisieren, um anderen auf ihrem Weg zu helfen. Wir hatten und haben schließlich so viele Talente unter Eingewanderten, darunter zum Beispiel auch Deutschlehrer_innen. Sie haben in kleinen Gruppen zusätzlich zum Sprachkurs Konversationskurse organisiert. Heute wird das «Sprachcafé» genannt. Auch Begleitungen zu Ämtern und Behörden bildeten einen Schwerpunkt unserer Arbeit. Besonders gefragt waren aber Konversationskurse, die uns später zum Verhängnis werden sollten. Sie waren kostenfrei, das war gut und richtig. Aber sie haben deswegen auch viele Teilnehmende eines «Trägers» weggezogen, den es immer noch gibt. Er bezeichnet sich als «sozial engagiert». Das kann ich allerdings nicht bestätigen. Erst wurden wir angesprochen, dann wurde uns gedroht. Wir müssten Teilnahmegebühren nehmen – und am besten gleich ganz zum Träger gehören. Das war aber gar nicht unsere Idee; wir wollten helfen. Wir wussten alle aus eigener Anschauung, wie knapp die Familienkassen waren: 300,00 DM pro Monat für einen Sprachkurs konnte sich niemand leisten. 

Unsere Entscheidung war: Einfach weitermachen, so wie wir es richtig fanden. In der Zwischenzeit war unser gesetzlicher Sprachkurs zu Ende gegangen, aber der wunderbare 28–jährige Deutschlehrer unterstützte uns weiter. Er übernahm unsere kostenfreien Sprachkurse. Wir wurden als Konkurrenz betrachtet; es wurde mit allen möglichen Instrumenten gegen uns gekämpft. Es klingt zwar lächerlich – weil wir ja alle ähnliche Ziele verfolgen –, es ist aber wahr. Ein «Höhepunkt» war die Durchsuchung unserer Räume wegen des Verdachts auf «Wirtschaftskriminalität»! In meiner Person wurde die «Anstifterin» identifiziert, ich sollte weg, aber das kam natürlich gar nicht in Frage! 

 

Neuanfang und Auszeichnungen 

Es blieb nur eins übrig – den Bezirk, in dem wir aktiv waren, verlassen, aber nicht aufgegeben. In einem anderen Bezirk begann ein neues Leben für unsere Gruppe und für mich, die Aktivitäten und mein persönliches Engagement wurden begrüßt. Berlin konnte also auch anders sein! Aus unserer Selbsthilfegruppe wurde ein Verein, mit dem Namen, den wir so gern ändern würden – Harmonie e.V. Wir wurden seinetwegen oft als Gesangsverein angesehen. Dabei gab es gar keinen Chor und keine kulturellen Angebote… So oder so: Es begann eine neue Ära. Mit grandiosen und spannenden Projekten, Massen von Menschen, die sich gemeinsam mit uns engagieren und einbringen wollten. Deren Ideen gemeinsam realisiert wurden, mit denen wir uns gemeinsam über Erfolge und Anerkennung freuten. Eine Betreuerin unserer Jugendgruppe wurde im Bezirk Tempelhof-Schöneberg mit der «Junior-Kosmopolita» ausgezeichnet, dem interkulturellen Frauenpreis des Bezirks. Eine Mitstreiterin, die Konversationskurse anbot, erhielt zur Würdigung ihres Ehrenamts eine Verdienstmedaille. Diese und andere Auszeichnungen haben uns immer wieder motiviert und ermutigt. 

An einem arbeitsintensiven Tag las ich die eingegangene Post und sortierte sie. Den Inhalt eines Briefes verstand ich nicht und fragte einen Kollegen. Dieser sagte mir, es sei Werbung für einen Gas-Anbieter – also weg damit. Aber die Gedanken… Die freien Gedanken… Der Brief beschäftigte mich weiterhin, ich nahm ihn aus dem Papierkorb und las ihn noch einmal durch. Da stand doch tatsächlich, dass Bezirksbürgermeister Ekkehard Band mich für eine Auszeichnung als Botschafterin des Verbundnetzes der Wärme vorgeschlagen hatte, das von Regine Hildebrandt initiiert worden war und dessen Schirmfrau sie bis zu ihrem Tod blieb. Eine unglaublich große Sache… Gab es etwas Größeres? Für mich nicht! 

Im Frühjahr 2010 kam eine weitere Überraschung: Ich wurde von der Kampagne «be Berlin» als eine von 204 Berliner_innen ausgesucht, die unter der Motto «Berlin, dein Gesicht – Berliner engagieren sich für ihre Stadt» das Baugerüst der verhüllten Siegessäule zieren sollte. Auch ich sollte helfen, das gesellschaftliche Engagement in der Hauptstadt zu würdigen… Wie oft bin ich nach der festlichen Eröffnung mit dem Fahrrad an dem Baugerüst vorbeigefahren, um mich selbst zu grüßen… Mich, aber auch die Mitstreiter_innen, ohne die die ausgezeichnete Arbeit ja gar nicht leistbar gewesen wäre! 

 

Und morgen? Zukunftssorgen? 

Das war die letzte Auszeichnung. Danach begann ein riesiger Rechtsstreit mit dem Vermieter unserer Vereinsräume, die gekündigt wurden. Dieser Rechtsstreit dauert an und frisst Nerven und Energie und Motivation. Wie viel mehr Sinnvolles ließe sich bewerkstelligen in dieser Zeit – aber gleichzeitig sind wir auch Harmonie, wir lassen uns nicht unterkriegen! Ich bin und wir sind den Menschen unendlich dankbar, die an uns und die gemeinsame Idee geglaubt haben, die unterstützt haben, die wir ins Herz geschlossen haben und die uns in ihr Herz geschlossen haben! 

Online Dossier des Migrationsrat Berlin e.V.

Dieser Artikel ist Teil des Online Dossiers des Migrationsrat Berlin e.V., unserem Partner für das Aktionsfeld "Migration und Teilhabe".

Larissa Neu ist Mit-Gründerin und Geschäftsführerin des Integrationsvereins Harmonie e.V.

Integrationsverein Harmonie e.V.