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Padua #EVCapital 2020: “Das Wesen der Freiwilligenarbeit besteht darin, nicht wegzuschauen”

2020 trug Padua den Titel der Europäischen Freiwilligenhauptstadt. Das Freiwilligenzentrum Padua (CSV), bei dem Ilaria Ferraro arbeitet, bewarb sich erfolgreich mit Unterstützung der Stadtverwaltung Paduas. Während sie im Januar 2020 voller Enthusiasmus mit ihrem Aktionsjahr starteten, holten sie im Februar die Ereignisse rund um die Pandemie ein – und alles änderte sich von jetzt auf gleich. Ilaria Ferraro, die Berlin im September 2021 besuchte, um die aktuelle Europäische Freiwilligenhauptstadt und ihre Akteurinnen und Akteure kennen zu lernen, berichtet in diesem Interview von den Herausforderungen und Chancen, die sich daraus ergeben haben.

© CSV Padova e Rovigo

Was hat Sie damals dazu bewogen, sich um den Titel "Europäische Freiwilligenhauptstadt" zu bewerben? Welche Pläne hatten Sie?  

Vielerorts hat man das Gefühl, in einer komplexen, fragmentierten und sehr zerbrechlichen Welt zu leben, die in Vereinfachung und Konflikten einen irrationalen Ausweg aus ihren Ängsten sucht. Niemand scheint sich für das "gemeinsame Zuhause" zu interessieren.  Doch parallel zu dem verdrehten Fluss dieser zerstörerischen und beunruhigenden Dynamiken gibt es die unermüdliche Arbeit derjenigen, die sich all dem nicht beugen, und sie leisten Widerstand. Es gibt "Orte" - physisch und metaphorisch - an denen für das Gemeinwohl gehandelt wird und die Bedingungen für eine nachhaltige und integrative Entwicklung geschaffen werden. Es gibt proaktive und konstruktive Dynamiken, die Gemeinschaften in jedem Winkel der Erde positiv beeinflussen. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die Freiwilligenarbeit mit ihren Millionen und Abermillionen von Akteuren, die sich täglich engagieren. Das Wesen der Freiwilligenarbeit besteht darin, nicht wegzuschauen: Angesichts von Brüchen und Zerbrechlichkeit beschließt ein Freiwilliger freiwillig, ein Stück Verantwortung zu übernehmen und seinen Teil beizutragen. Niemand erwartet es, niemand verlangt es von ihm, aber der/die Freiwillige mischt sich ein und bringt durch sein/ihr Eingreifen die Gemeinschaft dazu, ein Problem, einen Widerspruch zu erkennen. Und oft auch zu lösen.  

Manchmal kommt es vor, dass dieser Ansatz von der gesamten Gemeinschaft übernommen wird, angeführt von der Freiwilligenorganisation und der öffentlichen Verwaltung. Und das war der Fall in Padua. Wir haben diesen Trend deutlich gesehen, denn seit 2016 veröffentlicht das Freiwilligenzentrum am Ende eines jeden Jahres einen Bericht über den Stand der Freiwilligenarbeit in der Stadt und der Provinz. Ende 2017 bestätigten die in dem Bericht veröffentlichten Daten die wachsende Tendenz bei der Anzahl der Vereine, zeigten aber auch viele neue und interessante Initiativen, die von Organisationen dank einiger interessanter und innovativer Co-Design-Maßnahmen der Stadtverwaltung durchgeführt wurden. Aus diesem Grund schlug der Präsident von CSV Emanuele Alecci Anfang 2018 dem Bürgermeister von Padua Sergio Giordani vor, am Wettbewerb teilzunehmen, und die Stadtverwaltung nahm den Vorschlag mit Begeisterung an.  

© CSV Padova e Rovigo
Noch vor Ausbruch der Pandemie: Feierliche Eröffnungsfeier am 7.2.2020

Was bedeutete (bedeutet) der Titel für Sie, Padua und die Freiwilligengemeinschaft von Padua?   

Wir haben Anfang 2018 mit der Arbeit für die Kandidatur begonnen und von Anfang an einen partizipativen Prozess entwickelt. Wir haben viele Treffen abgehalten, um Ideen und Anregungen zu sammeln, die in das Bewerbungsformular aufgenommen werden sollten, und wir haben eine Kommunikationskampagne entwickelt, um so viele Menschen wie möglich darüber zu informieren, dass wir daran arbeiten, Padua als Europäische Freiwilligenhauptstadt zu bewerben.  Padua hat in seinem Jahr als Europäische Freiwilligenhauptstadt gezeigt, was es bedeutet, wenn eine ganze Stadt den Geist der Freiwilligenarbeit aufgreift, um eine schwierige Situation zu bewältigen. Padua war ein Freiluftlabor, mit der richtigen Verwaltung zur richtigen Zeit und einem Bürgermeister, der es verstanden hat, ein Klima des Vertrauens und der Zusammenarbeit zu schaffen, das alle miteinander verbunden hat, von den Bürgern bis zu den Institutionen, von der Diözese bis zu den Wirtschaftskategorien, von der Universität bis zum freiwilligen und dritten Sektor. Und in diesem Zusammenhang gab es ein Freiwilligenzentrum, das sich der Stadt zur Verfügung gestellt hat und jene Rolle der Koordination und Verbindung gespielt hat, die in normalen Zeiten - trotz der Bemühungen der Öffentlichkeit - von niemandem wirklich wirksam überwacht und ausgeübt wird.  

Im Jahr 2020, inmitten der Pandemie, trug Padua den Titel der Europäischen Freiwilligenhauptstadt. Was waren Ihre größten Herausforderungen und wie haben Sie diese gemeistert?  

Anfang Januar 2020 waren wir voller Enthusiasmus und Ideen, wie wir das Jahr als Freiwilligenhauptstadt feiern könnten. Der Zeitplan war fast fertig, mit vielen Veranstaltungen, Treffen und Plänen. Am 7. Februar haben wir eine großartige Eröffnungsfeier veranstaltet. 5000 Freiwillige und Behörden auf der Messe von Padua und auch der Präsident der Republik war anwesend. Wenige Wochen nach diesem Tag, Ende Februar, wurden die ersten Fälle von Covid 19 in Italien diagnostiziert und wenige Wochen danach wurde alles geschlossen. Um den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger, insbesondere der Risikogruppen, die von dem Ausbruch des Coronavirus unverhältnismäßig stark betroffen sind, gerecht zu werden, haben CSV, die Stadtverwaltung von Padua, die Diözese und die Caritas von Padua beschlossen, ihre Kräfte in einem einzigen Projekt mit dem Namen "Für Padua sind wir da. Freiwillige für die Gemeinschaft" zu bündeln. Ziel war es, zu verhindern, dass sich die sanitäre Notlage in eine soziale Notlage verwandelt. Das Team koordinierte alle sozialen Unterstützungsmaßnahmen für die schwächsten Bevölkerungsgruppen, um die bestehenden Vereinigungen und das ehrenamtliche Engagement zu fördern, zu unterstützen und zu stärken, damit alle weiterhin sicher und im Hinblick auf den Schutz der Gesundheit arbeiten können. Es gab eine große Anzahl wichtiger Aktionen: 1600 Freiwillige wurden einbezogen, ihre Aktivitäten wurden koordiniert und sie erhielten eine spezielle Ausbildung. Dank ihnen erhielten etwa 3000 Familien Lebensmittelgutscheine, die von der Stadtverwaltung ausgegeben wurden, um ihnen beim Einkaufen zu helfen; 136 Tablets und Computer wurden an Familien verteilt, die keine Geräte hatten, um ihren Kindern die Teilnahme am Online-Unterricht zu ermöglichen; 1400 lebensnotwendige Artikel (Lebensmittel, Medikamente, Körperpflegeartikel) wurden an diejenigen verteilt, die um Hilfe baten; 54 Obdachlose wurden aufgenommen und mit Hilfe der Diözese, der Caritas und des Roten Kreuzes versorgt. Wir können also sagen, dass wir, auch wenn wir anfangs über die Änderung der Programme verärgert waren, dem Titel "Europäische Freiwilligenhauptstadt" einen viel größeren Sinn gegeben haben. 

© CSV Padova e Rovigo
Hilfe auf Rädern - in Padua packten alle mit an.
© Manuel Gutjahr
Ilaria Ferraro beim Study Visit im September 2021 in Berlin, hier in der Europäischen Akademie.

Im September 2021 haben Sie die aktuelle Freiwilligenhauptstadt Berlin im Rahmen eines Study Visits besucht: Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse? Welche Impulse haben Sie für Ihre Arbeit erhalten?  

Der Besuch in Berlin, der Europäischen Freiwilligenhauptstadt 2021, war ein wichtiger Moment, weil es das erste Treffen in Anwesenheit nach der Pandemie war. Das war schon ein großer Erfolg, denn es war sehr schön, sich in der Gegenwart und nicht online zu unterhalten und auszutauschen.  Berlin ist eine wunderbare Stadt, voll von Reizen und interessanten Dingen. Ich konnte Erfahrungen in der Freiwilligenarbeit kennenlernen, die sich von denen, die ich hier in Italien tagtäglich erlebe, stark unterscheiden, und ich habe mich davon inspirieren lassen und neue Energie und Motivation für meine tägliche Arbeit gewonnen. Es hat mir gefallen, auch in Berlin zu sehen, wie die Freiwilligen mit Leidenschaft bei der Sache sind und ein Leuchten in ihren Augen haben, eine Energie und den Wunsch, zum Wohl der Gemeinschaft, in der sie leben, beizutragen und eine große Leidenschaft für das, was sie tun. 

Was bleibt von dem Titel? Wie hat er Ihnen und Ihrer Arbeit geholfen?  

Es sind bedeutsame Beziehungen entstanden, zwischen Menschen, zwischen Freiwilligen und Empfängern, zwischen Einrichtungen und Organisationen. Die Empfängerinnen und Empfänger sind zu Freiwilligen geworden, die Organisationen haben gelernt, zusammenzuarbeiten, verschiedene Welten haben sich die Hände gereicht und sind zusammen gereist. Fähigkeiten wurden in Umlauf gebracht, jeder ist gewachsen, und die Gemeinschaft war besser in der Lage, die Welle der Krise zu überstehen. Dies ist eine Tatsache, die wir hier für selbstverständlich halten, die wir aber besser verstehen können, wenn wir uns ansehen, was anderswo geschehen ist. Unser Motto war "die kommende Gemeinschaft". eine Gemeinschaft, in der jeder - Einzelpersonen, Vereine, Unternehmen ... - sich um seine Umwelt, seine Nachbarn kümmert.... Die Methode, die Welt mit der Brille der Freiwilligenarbeit zu betrachten, einer Brille, die einen die Dinge anders sehen lässt. Wir hoffen, dass wir mit unserem Beispiel andere italienische Städte und vielleicht sogar einige in Europa anstecken können. 

Ein Blick in die Zukunft: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Wie wollen Sie Ihre Mitgliedschaft in der Gemeinschaft der #EVCapital nutzen?  

Die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft der Europäischen Freiwilligenhauptstädte ermöglicht uns Kontakt zu anderen Städten, die die Freiwilligenarbeit zur Grundlage ihres Handelns machen, herzustellen. Wie unser Präsident der Republik bei der Eröffnungsfeier unseres Jahres sagte: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass das freiwillige Engagement und die Werte, die es vermittelt, zu den zu späteren Alters- und Lebensphasen gehören und dass sie die tragenden Strukturen unseres Gesellschaftsmodells nicht berühren. Im Gegenteil, die Dimension der Unentgeltlichkeit, gepaart mit der bürgerlichen Verantwortung und dem starken Wunsch zu teilen, führt zu Überlegungen und schafft Wechselbeziehungen mit allen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Die Verbreitung dieser Vision ist der große Mehrwert beim Aufbau einer neuen Gemeinschaft.  

Am Ende unserer Reise als EVCapital haben wir als Erbe dessen, was wir getan haben, die Kandidatur der Freiwilligenarbeit als immaterielles Unesco-Erbe gestartet. Im Moment arbeiten wir daran, diese Bewerbung auf internationaler Ebene zu verbreiten. Wir haben sie bereits dem Europäischen Freiwilligenzentrum (CEV - Centre for European Volunteering) vorgestellt, und bald wird sie auch der Internationalen Vereinigung für Freiwilligenarbeit (IAVE - International Association for Volunteering Effort) vorgelegt werden.   Der Hauptgedanke der Kampagne ist, dass die Freiwilligenarbeit eine unverzichtbare Kraft der Gesellschaft ist und dass es zum Beispiel ohne Freiwilligenarbeit nicht möglich gewesen wäre, die durch die Pandemie verursachten Notfälle zu bewältigen.  

Freiwillige engagieren sich in vielen Bereichen, von der Hilfeleistung bis zum Katastrophenschutz, von der Kultur bis zur Freizeitgestaltung, von der Erhaltung des künstlerischen Erbes bis zum Sport ohne Wettkampfcharakter, von der wissenschaftlichen Forschung bis zur Zusammenarbeit, und stellen ihre Zeit und ihre Fähigkeiten der Gemeinschaft unentgeltlich und im allgemeinen Interesse zur Verfügung. Dies ist ein wertvolles Erbe, das es zu erhalten und zu verbreiten gilt. Dieses Bewusstsein ist heute mehr denn je eine dringende Notwendigkeit.  

Centro Servizi Padova e Rovigo Solidali ODV - Freiwilligenzentrum Padua & Rovigo

Weitere spannende Infos zur Arbeit des Freiwilligenzentrums gibt's (auf Italienisch) auf der Webseite. Auch bei Facebook, Twitter, Instagram und youtube zeigen Padua/Rovigo, was sie im Aktionsjahr als ehemalige Freiwilligenhauptstadt 2020 geleistet haben. Ein Blick darauf lohnt sich!

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