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Nutze die Gelegenheit und engagiere dich

Tereza aus Bratislava, Slowakei, macht derzeit einen Freiwilligendienst in Berlin in der KulturMarktHalle (KMH). Die Organisation wurde vor zwei Jahren gegründet und ist ein offener Ort für Begegnungen, Kunst und Kultur in einem bunten Kiez. Der Verein bietet viele kulturelle Veranstaltungen an, darunter Theater, Performances, öffentliche Lesungen, Arbeit mit Flüchtlingen, Musikveranstaltungen, Gartenarbeit und vieles mehr. Ihr Ziel ist es, Menschen aus der Nachbarschaft zusammenzubringen, aber auch andere Menschen, die sich für die Veranstaltungen der KMH interessieren.

© Tereza

Das Interview führte Sofio Rukhadze durch, Mitarbeiterin des Projektbüros der Europäischen Freiwilligenhauptstadt und selbst engagierte Freiwillige in Berlin, die aus Geogien kommt.

Warum hast du dich entschieden, während der Zeit von COVID-19 im Freiwilligendienst in der KMH mitzuarbeiten und hast du die Möglichkeit, vom Büro aus mitzuarbeiten? 

Ich habe letztes Jahr mein Studium beendet und dachte, es sei der perfekte Zeitpunkt, um etwas Neues zu erleben. Wegen der Pandemie war ich mir sicher, dass es schwer sein würde, einen Job zu bekommen, also entschied ich mich für einen Freiwilligendienst. Außerdem war ich an der deutschen Sprache interessiert und wollte sie lernen. Neben der Tatsache, dass ich die Organisation mochte und etwas Neues lernen wollte, habe ich auch einige Freunde, die in Deutschland leben, und das hat mich dazu bewogen, ebenfalls hierher zu kommen. Derzeit ist KMH für die Öffentlichkeit geschlossen. Ich kann die meiste Zeit von zu Hause aus arbeiten, aber wenn ich ins Büro gehen möchte, kann ich einen Termin vereinbaren und dorthin gehen, um zu arbeiten.   

Wie sieht dein Arbeitstag aus, und was sind deine Aufgaben? 

Zu meinen Aufgaben gehört das Social Media Management. Ich erstelle Inhalte für die sozialen Medien und sorge dafür, dass alles, was auf unseren Plattformen erscheint, schön und passend für das Publikum aussieht. Außerdem leite ich mein eigenes kleines Projekt namens "Menschen der KMH", bei dem ich meine Kolleginnen und Kollegen zu verschiedenen, interessanten Themen interviewe und diese dann veröffentliche. Außerdem helfe ich täglich bei irgendetwas mit, manchmal geht es um die Renovierung der Büroräume oder ich helfe bei Workshops mit. Jeder Tag ist anders und interessant. 

Wie unterscheidet sich diese Erfahrung von den bisherigen Arbeitserfahrungen, die du bereits gemacht hast?  

Dies ist nicht meine erste Freiwilligentätigkeit, aber meine längste. Ich liebe es, mich freiwillig zu engagieren, deshalb habe ich, bevor ich hierher kam, an anderen Projekten teilgenommen. Vorher waren es einmalige Aktivitäten oder Aktivitäten, die nicht länger als einen Monat dauerten.  Letztes Jahr beschloss ich, herauszufinden, wie es sich anfühlt, für eine Organisation für eine längere Zeit freiwillig tätig zu sein. Ich wollte eine Verbindung zu meinen Mitarbeitern aufbauen und sie besser kennen lernen und mich gleichzeitig als Teil des Teams fühlen. Ich wollte eine menschliche Verbindung, vor allem jetzt, also war es sehr schön, meine Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen. Mir gefällt, wie die Organisation funktioniert, wie sie uns alle verbindet und wie hilfsbereit alle um mich herum sind.  

Außerdem wollte ich die Erfahrung machen, in einer anderen Rolle zu arbeiten. Da ich vorher noch nie Social Media Managerin war, ist dieser Job eine Herausforderung für mich - auf eine gute Art und Weise. Seit ich angefangen habe, habe ich viel über die Erstellung von Inhalten, Social Media Management und natürlich über Menschen und Deutschland gelernt.  

War es schwer für dich, dein Land und deine Familie zu verlassen, um in eine fremde Stadt zu kommen und dich dort als Freiwillige zu engagieren? 

Es war keine schwere Entscheidung für mich. Bevor ich hierher kam, habe ich sechs Jahre im Ausland gelebt, während ich in Prag, Tschechien, studierte. Für mich war es also ganz natürlich, von einem Land in ein anderes zu ziehen. Das Schwierige an diesem neuen Schritt in meinem Leben war die Tatsache, dass ich unsicher war, wie die Pandemie-Situation aussehen würde, aber das hat mich trotzdem nicht aufgehalten. Wenn etwas passiert, ist mein Land nicht so weit weg von hier. 

Warum glaubst du, dass freiwilliges Engagement für die heutige Gesellschaft so wichtig ist, und welchen Einfluss hat es auf die Gesellschaft?  

Wie ich bereits erwähnt habe, ist Freiwilligenarbeit für mich sehr wichtig, und ich liebe es, mich in Projekten als Freiwillige zu engagieren. Ich denke, dass man im freiwilligen Engagement viel lernen kann: die Fremdsprache verbessern, neue Fähigkeiten erlernen, Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen, neue Orte sehen, kulturelle Unterschiede erfahren. Selbst wenn man in seinem eigenen Land Freiwilligenarbeit leistet, lernt man etwas über andere Menschen, über die Bedürfnisse der Umgebung. Moderne Arbeitgeber schätzen die Erfahrung eines freiwilliges Engagements im Lebenslauf, und das Thema wird immer wichtiger in der Welt. Ich würde sagen, der größte Einfluss der Freiwilligenarbeit auf die Gesellschaft neben der Hilfe für andere ist, dass sie hilft, Menschen zusammenzubringen, die sonst keine Chance hätten, sich zu treffen.

Welche Rolle spielt der Kultur- und Kunstbetrieb, um die Stimmung der Menschen heutzutage zu heben? 

Ich bin seit meiner Kindheit eng mit dem Kulturbetrieb verbunden. Mein Vater arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren für ein Theater, also wurde ich von klein auf in die Welt der Kunst eingeführt. Natürlich sind sie jetzt geschlossen, und allein die Reaktion der Menschen, die auf der Website des Theaters schreiben, wie sehr sie die Aufführungen vermissen, zeigt, wie wichtig Kunst für unser Leben ist.  Ich denke, sie ist ein wesentlicher Bestandteil und bringt so viel Positives in unser Leben. Gerade in diesen Tagen, wo wir uns auf so große Weltprobleme konzentrieren, kann Kunst uns heilen. Auch wenn wir nicht in Galerien gehen können, denke ich, dass die Ausstellungen im Schaufenster oder sogar Online-Ausstellungen uns Seelenfrieden bringen können. 

Hat diese Erfahrung des freiwilligen Engagements deine Erwartungen erfüllt? Und hat der Lockdown deine Erfahrung sehr beeinträchtigt?  

Um ehrlich zu sein, hatte ich aufgrund der aktuellen Situation keine Erwartungen, also habe ich mir nicht eingebildet, viele Leute zu treffen oder herumzureisen. Ich wusste nicht, was passieren würde und was ich zu erwarten hatte. Ich liebe das Projekt, an dem ich arbeite, ich weiß, dass wir Dinge anders machen könnten und es engagierter und unterhaltsamer gestalten könnten, aber wir versuchen, uns an den Lockdown anzupassen. Ich würde gerne sehen, wie es ist, zu normalen Zeiten für meine Organisation zu arbeiten. Die Leute hier sind einfach großartig! Ich glaube, ich habe einige sehr enge Freundschaften mit meinen Kollegen geschlossen.  

Was würdest du den Menschen sagen, die einen Freiwilligendienst im Ausland in Erwägung ziehen, aber ein bisschen Angst vor einem so großen Schritt haben?   

Ich würde sagen, wenn man Angst vor einem langen Engagement hat, sollte man mit einem kleinen freiwilligen Engagement beginnen. Beginne mit einem einmaligen Engagement oder mit zwei Wochen. Du musst nicht einmal irgendwohin reisen, beginne mit der Freiwilligenarbeit in deinem eigenen Land und schau’, wie es dir gefällt. Fange klein an und gewöhnen dich erst einmal daran, und wenn du sich dann wohl fühlst und bereit bist für längere Freiwilligenarbeit, leg’ los! Ich habe auch klein angefangen, und hier bin ich heute. 

Planst Du dich in Zukunft weiterhin freiwillig zu engagieren? 

Mein Plan ist es, zurück in mein Land zu gehen, weil ich denke, dass ich schon viel von anderen Ländern gelernt habe, also würde ich gerne mein Wissen in mein Land übertragen. Vielleicht sogar mein eigenes Projekt gründen. Ich werde nicht aufhören, mich freiwillig zu engagieren, aber natürlich werde ich das nicht in Vollzeit machen können.

Möchtest du noch etwas hinzufügen?  

Ich möchte sagen, dass ich dankbar für diese Chance bin, die uns die EU bietet. Ich denke, wir - die EU-Bürger - nehmen diese Möglichkeiten als selbstverständlich hin und nehmen vielleicht nicht einmal daran teil. Ich denke, wir müssen diese Art von Gelegenheiten schätzen und uns mehr einbringen. 

Die KulturMarktHalle

Die KulturMarktHalle ist eine ehemalige Kaufhalle im Mühlenkiez (Prenzlauer Berg), die über viele Jahre leer stand. Durch ehrenamtliche, gemeinschaftliche Arbeit ist sie zu einem einen Ort für Begegnung, Kunst und Kultur geworden. Die KulturMarktHalle ist ein Raum für gemeinsames miteinander arbeiten, lernen, füreinander Dasein und Helfen, gegenseitiges Verstehen und stärken. Sie macht den Alltag bunter und kreativer und dadurch für alle reicher. Die KulturMarktHalle heisst alle Menschen willkommen, egal woher sie kommen, wie lange sie schon in Berlin leben, welche Sprache sie sprechen, welcher Kultur oder Religion sie angehören.

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