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Migration und Teilhabe: Wie viel Ehrenamt geht?

- Gastbeitrag von Gün Tank vom Migrationsrat Berlin e.V. -

Migrant_innen-Organisationen werden behandelt als seien sie die Dazugekommenen der Zivilgesellschaft. Oft ist es für die Mitglieder und die Ehrenamtlichen keine Wahl, ob sie sich freiwillig bürgerschaftlich engagieren wollen. Da Angebote entweder ganz fehlen oder mit anderen Menschen im Blick konzipiert sind, wird das Engagement oft zu einer unmittelbaren Notwendigkeit, einem Zwang. Und zugleich eröffnet Ehrenamt die Möglichkeit, etablierte Wege und Strukturen außer Acht zu lassen und das zu tun, was wirklich gebraucht wird.

© Migrationsrat Berlin e.V.

„Was ist im Kontext von Migration überhaupt ‚Ehrenamt‘ und wo beginnt Aktivismus?“ war eine der Leitfragen der Auftaktveranstaltung im Handlungsfeld „Migration und Teilhabe“ am 18. August 2021. Hajdi Barz, Geschäftsführerin von RomaniPhen e.V., einem feministischen Verein von Sinti_zze und Rom_nja, Larissa Neu, Geschäftsführerin des Vereins Harmonie e.V., der von (Spät-) Aussiedler_innen gegründet wurde, und Özlem Topuz, die eine Senior_innen-Freizeitstätte in Tempelhof-Schöneberg leitet, diskutierten über die Schwierigkeiten, migrantisches Engagement zu fassen („Was ist überhaupt Ehrenamt?), aber auch über die Frage, warum migrantische Initiativen und Vereine als Konkurrenz für alteingesessenen Vereine bzw. als „nicht-professionelle Konkurrenz“ angesehen werden. 

„Im Vordergrund stand für uns, was wir wollten“ 

Larissa Neu schilderte eindrücklich, wie sich vor über zwanzig Jahren (Spät-) Aussiedler_innen in Berlin zusammentaten, um andere zu begleiten, zu unterstützen und ihnen bei ihren Anliegen unter die Arme zu greifen: „Wo wir herkamen – aus der ehemaligen Sowjetunion – gab es keinen Begriff für ‚Ehrenamt‘, aber uns war klar, dass man sich gegenseitig hilft und die notwendige Arbeit übernimmt.“ Ganz ähnlich verwies Özlem Topuz auf das Fehlen von Begriffen, die bürgerschaftliche Verantwortungsübernahme sei für viele nichts Besonderes, es fehle aber häufig an der öffentlichen Anerkennung und Wertschätzung für das, was im Alltag ganz selbstverständlich für die Gesellschaft geleistet werde. Hajdi Barz verwies zudem darauf, dass die Selbstverständlichkeit auch zu ausbeuterischen Situationen führen könne, wenn beispielsweise vorausgesetzt wird, dass „die Community“ schon erledigen werde, was gebraucht wird. 

„Engagement musst du dir leisten können“ 

Während freiwilliges Engagement für viele eine Wahl ist, stellt es für andere also ein Muss dar. Özlem Topuz verwies auf Studien, wonach das „anerkannte“ Ehrenamt vor allem für Menschen in Frage komme, die es sich aufgrund des Alters, des Geschlechts, der finanziellen Situation und weiterer Faktoren leisten können. Es verwundere nicht, dass es überdurchschnittlich viele ältere Männer aus der Mittelschicht seien, während andere oft aufgrund anderer Verpflichtungen (Hausarbeit, Erziehung, Ausbildung/Berufstätigkeit usw.) nicht in der Lage seien, zusätzlich anerkannte Formen des freiwilligen Engagements zu übernehmen. „Eine Frau, die viele Jahre prekär beschäftigt, in Teilzeit und/oder unterbezahlt, wird selbst als Rentner*in an Zuverdiensten gebunden sein und keine Zeit haben“, so Özlem Topuz 

„Einfordern, was wir brauchen!“ 

Um mit den vielfältigen Schwierigkeiten in der Ehrenamtsgewinnung, in der „Nachwuchs“-Förderung und dem Mangel an hauptamtlicher Flankierung von Freiwilligen umzugehen, diskutierten die Rednerinnen und die Teilnehmenden abschließend darüber, was sich verbessern müsste, um die Teilhabe von Migrant_innen zu fördern. „Eine Basisförderung, die nicht an temporäre Projekte gebunden ist, würde helfen, Supervision, Verwaltung, Geschäftsführung, Miete und laufende Kosten zu decken und freiwilliges Engagement tatsächlich als Wahl und nicht aus Zwang zu leisten“, fasste Hajdi Barz zusammen. Eine nachhaltige Arbeit von Freiwilligen und mit Freiwilligen brauche zudem Ausbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten, die innerhalb von Migrant_innen-Organisationen stattfinden. 

Weitere Informationen zum Handlungsfeld finden Sie hier: Aktionsfeld: Migration und Teilhabe