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Junges Engagement gegen Rassismus

Carla und Nicolas haben sich in ihrem Freiwilligendienst kennengelernt. Sie wollten neue Denkanstöße geben und andere Perspektiven schaffen. Deswegen organisierten sie gemeinsam eine Diskussionsrunde zum Thema: "Roma*- und Queer-Aktivismus während und nach der Pandemie" und setzen sich kontinuierlich seit September 2020 für die Sinti:zze und Romn:ja-Community ein. Sie glauben, dass das Engagement junger Menschen unterschätzt wird und, dass es wichtig ist, politischen Austausch und Demokratie mitzugestalten.

© Katie Rainbow

Wer seid ihr und wofür engagiert ihr euch?  

© privat

Mein Name ist Carla, ich war im letzten Jahr Freiwillige bei RomaTrial e.V. und habe mich dort gegen den Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja engagiert, sowie dafür, mehr gesellschaftliche Räume für die Stimmen von Sinti:zze und Romn:ja zu schaffen. 

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Ich bin Nicolas und habe meinen Freiwilligendienst im Bereich der politischen Bildung für junge Menschen bei der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa gemacht. Schwerpunkt war die Organisation von Diskussionsveranstaltungen zu den Themen Rassismus- und Antisemitismuskritik, Europapolitik und Jugendbeteiligung. In unserem Freiwilligenprojekt haben Carla und ich eine Diskussionsveranstaltung mit Gianni Jovanovic organisiert, in der es um Queer- und Roma*-Aktivismus ging. 

Was bedeutet euch euer Engagement?  

Carla: Für mich bedeutet Engagement, die eigenen Kräfte und Möglichkeiten zu nutzen, sich für andere Menschen, ggf. Menschen die diese Kraft nicht (mehr) haben, einzusetzen und für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Eine solidarische Gesellschaft braucht Engagement, doch ist es auch eine wertvolle Erfahrung für diejenigen, die sich engagieren.  

Nicolas: Mir ist mein Engagement sehr wichtig, weil wir im Team durch die Online-Veranstaltungen auch während des Lockdowns Räume geschaffen haben, in denen progressive Debatten stattfinden konnten. Ich glaube es ist total wichtig, dass junge Menschen politischen Austausch und Demokratie mitgestalten und bin froh, diese Möglichkeit bekommen zu haben. 

Wie seid ihr zu genau diesem Freiwilligenprojekt gekommen? Warum habt ihr euch dafür entschieden? 

Carla: Nicolas und ich haben uns über unseren Träger Freiwilliges Jahr Beteiligung kennengelernt. Dort kamen wir über einen Zufall ins Gespräch über das Thema “Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja” und er erzählte mir, dass er schon vor Beginn des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) großes Interesse an dem Thema gehabt habe. Deshalb habe ich ihn einige Zeit später dann gefragt, ob er Lust hat mit mir an einem gemeinsamen Freiwilligenprojekt zu arbeiten. 

Nicolas: Uns ist aufgefallen, dass obwohl struktureller Rassismus in den letzten Jahren bestimmt stärker diskutiert wird, sowohl bei mir selbst, als auch in unserem Freund:innenkreis kaum Wissen zu Perspektiven von Roma* vorhanden war. Uns war es wichtig, den Raum, den wir durch das Freiwilligenprojekt bekommen hatten auch irgendwie sinnvoll zu nutzen bzw. nutzbar zu machen und haben dann Gianni eingeladen, weil er es einfach unglaublich toll beherrscht, über schöne und ernste Themen gleichermaßen leicht zugänglich zu sprechen.

In euren Worten: Was ist Antiziganismus?

Antiziganismus ist der Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja oder als solche gelesene Personen. Es handelt sich um ein tief verwurzeltes und weit verbreitetes Ressentiment, basierend auf der Konstruktion rassistischer Bilder. Der Begriff wird nicht überall genutzt, da die rassistische Fremdbezeichnung Teil des Begriffs ist. Andere nutzen ihn gerade deshalb. “Gadje(Nicht-Roma)-Rassismus” oder “Antiromaismus” sind Begriffe, die alternativ genutzt werden. 

Weitere Informationen finden Sie auch auf bpb.de

Wie hat euch die Zeit beeinflusst? Was konntet ihr lernen? 

Carla: Das Projekt hat sicherlich mehr Zeit in Anspruch genommen als geplant. Voraussichtlich wollten wir das Ganze innerhalb von drei bis vier Monaten auf die Beine stellen, haben jedoch schnell gemerkt, dass das nicht klappen wird. Wir haben uns also mehrmals dazu entschieden, unser Konzept zu überwerfen und uns immer wieder Gedanken darüber gemacht, was unsere Ziele sind und welche Pläne umsetzbar sind. Im Endeffekt haben wir ganze acht Monate gebraucht, doch es hat sich auf jeden Fall gelohnt! 

Nicolas: Ich glaube auch, dass es genau richtig war, dass wir uns diese Zeit genommen haben immer wieder von einem Weg abzuweichen. Wir sind zwar auch manchmal eher verzweifelt aus irgendwelchen Zoom Calls ausgestiegen, aber es war total wichtig zu lernen, das auch auszuhalten und einfach dranzubleiben. Und etwas Selbstbewusstsein als alles ganz gut geklappt hat, haben wir bestimmt auch mitgenommen. 

Wie werden durch euer Engagement Vorurteile und Diskriminierung abgebaut und wie trägt euer Engagement zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei? 

Carla: Unser Ziel war es, einen Raum für Austausch und Miteinander zu schaffen und Personen zu unserer Veranstaltung einzuladen, die aus einer mehrdimensionalen Perspektive auf Themen wie kulturelle Arbeit und die Corona-Pandemie schauen und über diese diskutieren. Dabei war uns ein respektvoller Umgang besonders wichtig. Dieser Raum hat die Möglichkeiten geboten, dass offen über Fragen diskutiert werden und Menschen miteinander in den Austausch kommen konnten. 

Nicolas: Ich glaube, dass schon das Gespräch zwischen dem Moderator der Veranstaltung, Monty Ott, der zu Antisemitismus, Queerness und Erinnerungskultur forscht, und Gianni Jovanovic total wichtig war, weil viele ihrer Meinungen zu verschiedenen Themen in der deutschen Medienlandschaft einfach viel zu selten vorkommen. Jede Veranstaltung dieser Art, in der jemand vielleicht eine Sichtweise hört, die er:sie noch nicht kannte, kann ja auch ein Anstoß sein, sich weiter mit den Themen auseinanderzusetzen. 

Wie können andere junge Menschen dazu anregt werden, sich ebenfalls zu engagieren? 

Carla: Ich denke, ein großer Teil der jungen Menschen hat eigentlich große Lust, sich zu engagieren bzw. tut es schon. Wir alle haben unsere Werte und Überzeugungen, für die es sich lohnt einzustehen und laut zu sein. Doch ich glaube auch, dass ein Problem darin liegt, dass Engagement oft nur “Aktivist:innen” zugeschrieben wird und in Vergessenheit gerät, dass auch kleine Dinge wie Nachhilfe für Geschwister oder Nachbarskinder geben, Klassensprecher:in zu werden o.ä. ganz wichtig sind. Um mehr junge Leute dazu zu bewegen sich ebenfalls zu engagieren, sollte man solches Engagement sehr viel mehr wertschätzen. Außerdem glaube ich, dass viele junge Menschen, sobald sie sich einmal engagiert haben, schnell merken, wie gut sich das anfühlt und alleine deshalb schon weitermachen. 

Nicolas: Ich denke, dass der Wert von freiwilligem Engagement in Deutschland total unterschätzt wird. Sowohl der Wert für die Person, die sich engagiert, als auch der für die Gesellschaft. In der Schule wird aus meiner Sicht ein ziemlich toxisches Bild von Leistung beigebracht, nach dem man bloß keine Zeit „verschwenden“ darf und sich lieber direkt ans Studieren macht. Auf der anderen Seite ist ein FSJ für die meisten Jugendlichen auch einfach nicht bezahlbar, sofern man nicht zuhause lebt oder sonstige Unterstützung von den Eltern erhält. 

Freiwilliges Jahr Beteiligung - Der Freiwilligendienst für Jugendbeteiligung in und um Berlin 

Die Organisation wurde gegründet von ehemaligen Freiwilligen. Das FJ Beteiligung bietet seit 2014 in und um Berlin die Möglichkeit, einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) oder ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu machen. Themen sind Bildung, Demokratie und Partizipation in Einsatzstellen wie Schulen, gemeinnützigen Organisationen und politischen Einrichtungen. Den Freiwilligendienst versteht sich als Lern- und Orientierungsjahr. Den Freiwilligen wird ein Raum geschaffen, sich selbst auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und Fehler zu machen.

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