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“Intersektionalität ist eine Theorie und kein Hashtag, den Organisationen benutzen sollten, nur um sich als divers zu bezeichnen”

Valerie Karima Djurhuus ist die Geschäftsführerin von Loom e.V. und eine der Trainerinnen dort. Der Verein arbeitet mit dem Intersektionalität-Ansatz. Sie machen Antidiskriminierungsarbeit, arbeiten mit Jugendlichen und Erwachsenen zusammen. Valerie berät Menschen, die Rassismus erfahren und genderbezogene Diskriminierungserfahrungen machen. In diesem Interview erzählt sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit, ihrer Motivation und was sie in der Berliner-Engagementlandschaft vermisst.

Valerie Karima Djurhuus © privat

Du hast den Verein ehrenamtlich gegründet?

Genau. Auch die Beratungen finden ehrenamtlich statt. Wir haben keine Förderung, daher ist alles ehrenamtlich. Ich arbeite jetzt seit knapp zwei Jahren für den Verein. Mittlerweile kriegen wir Honorare für unsere Workshops. Das sind dann aber nicht die Community-bezogenen Workshops, also die für Menschen, die diskriminiert werden, sondern beispielsweise Workshops für Lehrkräfte, die sich sensibilisieren wollen. Meine Stelle als Geschäftsführerin ist rein ehrenamtlich.

Warum hast du Loom e.V. gegründet?

Ich bin selbst eine migrantisierte Person. Ich bin in Dänemark sozialisiert, komme aber eigentlich aus Algerien. Ich bin Muslima und bringe auch meine Erfahrungen mit Diskriminierung mit. Ich habe viele Jahre mit Jugendlichen zu Empowerment-Themen gearbeitet, also politische und kulturelle Bildung gemacht. Meine Auftraggeber:innen stellten oft Strukturen dar, in denen ich keine Zugehörigkeit fand. Leider ist Empowerment-Arbeit zu einem Markt, einer Marke, geworden, bei der ich das Gefühl hatte, ich wäre ein Link zwischen stark diskriminierenden Strukturen, in denen ich mich bewege und beispielsweise an Schulen gehe, bloß damit gezeigt wird: “Hier machen wir Empowerment.” Das fand ich nicht authentisch. Deswegen bauen wir jetzt eigene Strukturen auf und wollen eine Institution werden. Außerdem liebe ich Bildungsarbeit. Es ist doch super spannend, mit vielen verschiedene Gruppen zu arbeiten und auch meine Privilegien zu reflektieren. Das ist eine hochkomplexe Arbeit, aber auch sehr emotional. Da finde ich mich einfach wieder, da fühle ich mich wohl.

Mehrere Gruppen sind von den Themen, zu denen ihr Beratung anbietet, betroffen. An wen konkret richtet sich euer Angebot?

Wir wenden uns an junge Menschen, die zur Schule gehen und bieten AGs und Workshops in Schulen an. Unsere Kooperationspartner:innen sind selber migrantisierte und intersektionale Organisationen. Hauptsächlich arbeiten wir mit dem Ansatz Sensibilisierung, also mit Lehrkräften und anderen Gruppen - ich würde sagen 70% von der Zeit geht es um Auszubildende, die sensibilisiert werden und der Rest der Zeit sind Privatpersonen und andere Organisationen, die nicht notwendigerweise selber ausbilden. Das ist mittlerweile ein großer Fokus für uns geworden.

Auf eurer Webseite sprecht ihr über ein Dreisäulenmodell. Was hat es mit dem Modell auf sich?

Wir gehen davon aus, dass wir durch Beratung und durch Training Awareness schaffen können.  Wir finden, man muss auf mehreren Ebenen arbeiten, um Awareness zu schaffen für die Komplexitäten, die viele Menschen erleben. Stichwort Mehrfachdiskriminierung. Das ist mit diesen Säulen gemeint, die gleichzeitig auch Schritte sind, die wir gehen, um Sichtbarkeit zu schaffen.

Wie nimmst du die Berliner Engagement-Landschaft wahr? Was vermisst du und was muss sich ändern?

Das sind spannende Fragen. Leider habe ich sehr viel Kritik an der Berliner Landschaft.  Meine erste Priorität ist, dass wenn wir den Begriff “intersektional” benutzen, eine Awareness schaffen, dass das eine Theorie ist und kein Hashtag-Begriff, den man benutzen kann, weil man sich als divers darstellen will. Also mein Ziel ist, erstmal ein Grundwissen zu schaffen. Und das heißt, all’ diejenigen Organisationen, die sich vielfältig nennen, die sich intersektional nennen, aber nicht Rassismus und Gender im Vordergrund und im Kern ihrer Arbeit haben, dafür zu sensibilisieren. Begrifflichkeiten wie Antidiskriminierung und Intersektionalität werden viel zu häufig benutzt, aber nicht in den Strukturen umgesetzt. Also müssen wir unsere Strukturen erstmal reflektieren und ändern, bevor wir in der Öffentlichkeit von #Vielfaltsprojekten reden. Ich verbringe sehr viel meiner Zeit in Gremien und in Gruppen, wo ich immer wieder wiederholen muss und mir von Menschen, die nicht diese Art von Diskriminierung erfahren, erklären lassen muss, wie ich zu agieren habe. Das fällt sehr kleinen Organisationen wie meiner, die aber sehr wichtig sind, sehr schwer und schafft dadurch auch Barrieren: Barrieren zu Ressourcen, weil wir nicht wissen, wo wir uns hinwenden können, wo wir eine Zugehörigkeit finden.  Das schafft vieles, was vielleicht nicht für alle wahrnehmbar ist, aber für mich ganz stark.  Es müssen sich Strukturen in der Berliner Landschaft ändern.

Hättest du einen konkreten Vorschlag, wie wir das erreichen können? Wie können wir Strukturen verändern? Wie können wir einen Wandel herbeiführen?

Strukturen müssen repräsentativ sein. Das heißt, wir müssen unsere Teams erstmal ganz genau anschauen: Wer hat Leitungsfunktionen? Sind das hauptsächlich weiße Männer, die dafür Geld bekommen? Es ist sehr wichtig, dass wir ganz praktisch und pragmatisch vorgehen. Zum Beispiel: Wir haben eine Organisation zum Thema Vielfalt. Sind die Menschen, die bezahlte Arbeit leisten, von Mehrfachdiskriminierung betroffen oder nicht? Wenn wir uns erstmal damit beschäftigen und das ganz gut für uns reflektieren, glaube ich, dass wir einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben, auch in Bezug auf Nachhaltigkeit.

Gebt ihr euch selbst das Label der “Migrantenselbstorganisation”? Versteht ihr euch als solche?

Wir sind mit diesem Label einverstanden. Aber wir machen auch sehr viel Arbeit mit weißen Menschen. Das heißt unser Vorstand ist trotzdem migrantisiert und auch queer, also intersektional zusammengestellt.

Mit wem arbeitet ihr zusammen, wer unterstützt euch?

Wir sind von Anfang an vom Migrationsrat gefördert worden und sind auch Mitglied dieser Organisation. Von daher sind wir dann ganz migrantisiert positioniert. Das ist natürlich Hauptbestandteil dieser Arbeiten des Migrationsrats. Und eine Kooperationspartner:in ist das Projekt  „i-Päd – intersektionale Pädagogik“. Mit dieser Organisation arbeiten wir sehr gerne zusammen. Sie sind tatsächlich Vorbilder für uns, in ihrer Theorie aber auch in der praktischen Umsetzung ihrer Arbeit.  Sie leisten wichtige Arbeit.

Mit eurer Arbeit müsst ihr durch dicke Bretter bohren. Gibt es so etwas wie “Erfolgsgeschichten” von denen du berichten kannst?

Es gibt sowas die ganze Zeit. Aber mir ist sehr wichtig, dass ich meine Arbeit nicht romantisiere, weil ich am Ende des Tages vor ganz großen Herausforderungen stehe. Und deswegen bleibe ich lieber bei den harten Fakten und der Realität.  In unserer Arbeit können wir wahrnehmen, dass es wichtig ist, dass wir einen Raum anbieten und überhaupt über Rassismus sprechen, also den Raum halten für Menschen, die in ihrem Alltag mit Menschen arbeiten, die auch selber Rassismus reproduzieren und wir ganz klarsehen: Das ist das erste Mal, dass sie den Raum bekommen haben, um über ihre Erfahrungen sprechen zu können. Das ist auch schon Sinn der Sache für uns, überhaupt wahrnehmen zu können, dass wir Raum halten. Wir bekommen ganz oft Feedback, dass sie sich noch nie so gespiegelt und unterstützt gefühlt haben. Ich bin aber kein Fan von so Glory-Stories. Das sind knallharten Realitäten, wie wir wissen. Wir freuen uns über gutes Feedback, aber wir müssen trotzdem zurück in unser Lebensrealitäten. Und bevor sich die Strukturen und die Institutionen nicht ganz tief ändern, feiern wir als Organisation leider nicht.

Wie schaffst du es, dich immer wieder zu motivieren?

Durch meine eigene Betroffenheit. Aber dann auch durch Hoffnung, obwohl man ganz oft als zum Beispiel wütend oder als entsetzt wahrgenommen wird, gibt es auch eine tiefe Hoffnung, dass wir für unsere Communities da sein können und, dass wir was bewegen und das wissen wir schon. Und das zählt ganz klar. Wir setzen uns kleine Ziele und erreichen sie und das ist natürlich danach schon eine kleine Feier wert. Ich persönlich kann das nicht nicht-machen. So war das immer. Deswegen gibt es Loom e.V.

Loom e.V.

Loom strebt eine Zusammenarbeit mit Bildungsinstitutionen an, um die Themenfelder Rassismus, Islamfeindlichkeit, LSBT*I*Q oder / und Vorurteile zu thematisieren. Diskriminierung, hier mit Fokus auf sämtlichen Formen von Rassismus, wird aufgedeckt sowie vermindert. Aus diesem Grund arbeitet Loom in jeglicher Hinsicht intersektional. Dies zeigt sich sowohl im Gründer*innen-Team als auch im Vorstand. Ihre Arbeit beinhaltet die Entwicklung unterschiedlichster Projektansätze, und die Organisation öffentlicher Seminare, Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Workshops.

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