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Gdańsk #EVCapital 2022: "Solidarität ist nicht nur Geschichte. Die Danziger praktizieren den Gedanken der Solidarität täglich"

Auf Berlin folgt 2022 Gdańsk (Danzig) als Europäische Freiwilligenhauptstadt. Martyna Kowacka besuchte zusammen mit der Stellvertretenden Bürgermeisterin von Gdańsk und ihrem Team im September 2021 Berlin. Hier lernte sie die Akteurinnen und Akteure der Freiwilligenhauptstadt 2021 kennen. In diesem Interview spricht Martyna Kowacka über ihren Besuch in Berlin, welche Pläne sie für das Aktionsjahr 2022 hat und was Gdańsk und die dortige Freiwilligen-Community so besonders macht.

Martyna Kowacka in Berlin. © Jens Ahner

Warum hat Danzig am Wettbewerb der European Volunteering Capitals teilgenommen? Was bedeutet es für Sie, Teil der "European Volunteering Capitals" zu sein? 

Gdańsk ist eine einzigartige Stadt - hier wurde die Solidarność, eine soziale Bewegung, geboren. Für die Bürgerinnen und Bürger von Gdańsk und für Gdańsk selbst ist die Solidarität nicht nur Geschichte. Die Danziger praktizieren den Gedanken der Solidarität täglich. Sie engagieren sich unter anderem ehrenamtlich - Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement sind für Gdańsk unverzichtbar. In Gdańsk passiert bereits viel im Bereich der Freiwilligenarbeit, und dank dieser Tatsache wurde Gdańsk gewürdigt und erhielt den Titel der Europäischen Freiwilligenhauptstadt 2022. Dieser Titel ist für Gdańsk eine große Auszeichnung und eine Chance für die weitere Entwicklung. Sie motiviert dazu, kühn zu träumen und weitere Initiativen zur Entwicklung der Freiwilligentätigkeit zu planen. Teil der Europäischen Freiwilligenhauptstädte zu sein, ist eine Ehre für uns - es ist eine Anerkennung unserer bisherigen Aktivitäten und eine Dosis Motivation für die weitere Entwicklung der Freiwilligentätigkeit in Gdańsk. 

Wie wollen Sie die Freiwilligenarbeit (auf lokaler Ebene) in Danzig fördern?  

Im Moment sind wir dabei, eine Kommunikationsstrategie auszuarbeiten. Wir wollen ungewöhnliche Werbekanäle nutzen. Wir planen, jeden Monat eine Geschichte über eine bestimmte Art der Freiwilligenarbeit zu schreiben (ökologische Freiwilligenarbeit, Pfadfinder, Freiwilligenarbeit für Seniorinnen und Senioren usw.) Wir wollen berühmte Leute einbeziehen, die als Botschafter für Freiwilligenarbeit fungieren. Wir planen auch die Kommunikation auf den Kanälen der Bezirke, zum Beispiel in den sozialen Medien. Am Ende wollen wir sicherstellen, dass 80 % der Einwohnerinnen und Einwohner von Gdańsk über die Europäische Freiwilligenhauptstadt Gdańsk 2022 Bescheid wissen.   

 

@ EVC Gdansk
Von links nach rechts: Szymon Knitter vom Regionalen Freiwilligenzentrum, Staatssekretärin Sawsan Chebli, Monika Chabior - Stellvertretende Bürgermeisterin von Danzig für soziale Entwicklung und Gleichbehandlung, Martyna Kowacka - Koordinatorin der Vorbereitungen für die Europäische Freiwilligenhauptstadt Danzig 2022, Dorota Wojciechowska von der Abteilung für auswärtige Angelegenheiten des Bürgermeisteramtes, Damian Kuźmiński von der Abteilung für soziale Entwicklung.

Was sind Ihre drei wichtigsten Ziele als nächste Freiwilligenhauptstadt 2022?    

Wir haben vier Hauptziele. Das erste, und ich denke, das wichtigste für uns, ist "Menschen und Umwelt - lokale Gesellschaft und Umgebung". Bei diesem Ziel geht es um die Unterstützung bestehender und die Schaffung neuer Freiwilligenzentren in den Stadtteilen. Das zweite - "Freiwilligenarbeit - ein Teil der Demokratie". Wir wollen eine wissenschaftliche Studie über die Danziger Gesellschaft durchführen und sie fragen, wie oft sie sich freiwillig engagieren und was Freiwilligenarbeit für sie bedeutet. Mit diesem Ziel wollen wir die Freiwilligenarbeit zu einem Integrationsinstrument für die neuen Einwohnerinnen und Einwohner unserer Stadt machen. Das nächste Ziel ist "aktive Einwohnerinnen und Einwohner, gut organisierte Freiwilligenarbeit" - wir wollen eine Freiwilligenkarte (mit einigen zusätzlichen Vergünstigungen) entwickeln, die Freiwilligenarbeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausbauen - und Know-how weitergeben - und mit der Zertifizierung der Kompetenzen von Freiwilligen und der Zertifizierung von NGOs beginnen. Nicht zuletzt geht es um "Freiwilligenarbeit in Schulen und an Universitäten" - wir werden die Entwicklung und Stärkung von Freiwilligenclubs an Schulen fortsetzen, die Freiwilligenarbeit an Universitäten fördern sowie das Danziger Bildungsforum und die Kreative Pädagogik organisieren. 

Warum ist freiwilliges Engagement in Danzig wichtig für a) den sozialen Zusammenhalt und b) den europäischen Zusammenhalt? 

Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement sind für Gdańsk von entscheidender Bedeutung - so steht es in der Stadtstrategie Gdańsk 2030. Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement gehören zu den entscheidenden Entwicklungsaspekten der Stadt. Freiwilliges Engagement gibt den Danziger Bürgern sowie den in Gdańsk tätigen Organisationen und Institutionen die Möglichkeit, sich an der Gestaltung der Stadtpolitik zu beteiligen. Freiwilliges Engagement ist ein wesentliches Element für die Entwicklung von Städten. Es ist beeindruckend zu sehen, wie die Freiwilligen mit vollem Engagement neue Projekte durchführen und dabei ihr ganzes Herzblut einbringen. Dank der umfangreichen Strukturen und der vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, können wir die Herausforderungen meistern und auf die Bedürfnisse der Stadt reagieren. Die Freiwilligenarbeit gibt uns das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein - auf Stadt-, Landes- und europäischer Ebene. 

Haben Sie Pläne, wie Sie als Europäische Freiwilligenhauptstadt den vielen Freiwilligen Ihre Wertschätzung zeigen werden?  

In Gdańsk gibt es zwei Programme zur Anerkennung von Freiwilligen. Das erste ist der Preis "Aktiv in der Stadt", der an die aktivsten Freiwilligen verliehen wird. Im Jahr 2022 wollen wir diesen Preis um weitere Kategorien erweitern, um einer größeren Zahl von Freiwilligen danken zu können. Der zweite Preis ist der "Lech-Bądkowski-Preis", der an die beste Nichtregierungsorganisation, den/die Danziger Spender*in des Jahres und den/die Danziger Sozialarbeiter*in des Jahres verliehen wird. Damit werden die sozialen Aktivitäten der Danziger Bürgerinnen und Bürger gewürdigt, die sowohl von Nichtregierungsorganisationen als auch von Einzelpersonen geleistet werden, sowie deren finanzielles Engagement zur Unterstützung wichtiger sozialer Initiativen. Darüber hinaus hoffen wir, dass unsere Eröffnungsfeier ein Moment sein wird, um allen Freiwilligen in Gdańsk zu danken, denn ohne sie hätte unsere Stadt nicht die Europäische Hauptstadt des freiwilligen Engagements werden können. 

Was sind die besonderen Merkmale der Freiwilligenarbeit in Danzig?  

In Gdańsk haben wir ein regionales Freiwilligenzentrum (regelmäßige Schulungen, Beratungen, individuelle Beratung für Organisationen, Freiwilligenkoordinatoren). Das Regionale Freiwilligenzentrum betreut 5.000 Freiwillige und vermittelt im Durchschnitt 2.000 Angebote für 100 Einrichtungen pro Jahr. Die erste mobile Anwendung für Freiwilligenarbeit in Polen wurde in Gdańsk entwickelt. Die Danziger Stadtverwaltung kann sich auch des ersten Freiwilligenprogramms für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kommunalverwaltung der Woiwodschaft Pommern rühmen. In Gdańsk gibt es Fonds, Mini-Zuschüsse für aktive Bürgerinnen und Bürger - im Rahmen der Unterstützung von Basisinitiativen stellt die Stadt Mittel für die Entwicklung ihrer Initiativen bereit: Nachbarschafts-, Seniorinnen/Senioren- und Jugendinitiativen sowie Sport- und Freizeitinitiativen. Wir haben eine Partnerschaft von Nichtregierungsorganisationen für die Entwicklung der Freiwilligenarbeit gegründet. Ich denke, dass dies in Gdańsk einzigartig ist. 

Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrem Studienaufenthalt in Berlin? Welche Impulse haben Sie erhalten? Gibt es etwas, das Sie in Ihre Arbeit integrieren werden? 

Während des Besuchs in Berlin habe ich gelernt, dass nichts unmöglich ist. Am inspirierendsten waren für uns die Besuche, bei denen wir einige wertvolle Initiativen in Berlin kennengelernt haben. Zwei von ihnen haben uns aufgrund unserer Hauptziele am meisten inspiriert. Die erste war der Prinzessinnengarten und das Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. - Von diesen Erfahrungen werden wir sicherlich profitieren. Auch die Gespräche mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und der Erfahrungsaustausch waren sehr wertvoll.  Das Regionale Freiwilligenzentrum und das Danziger Rathaus sind die Hauptakteure der Danziger Kandidatur. Die Stadt will die Freiwilligenarbeit fördern, weil wir glauben, dass sich nur eine Stadt mit engagierten Einwohnerinnen und Einwohnern entwickeln kann. Der Titel ist einerseits eine Auszeichnung für die bisherigen Aktivitäten im Bereich der Freiwilligenarbeit, andererseits eine Motivation für die weitere Entwicklung. Er ist ein Anstoß für weitere Aktivitäten im Bereich des freiwilligen Engagements in der Stadt.