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Freiwilligendienst weit weg von zu Hause

Madia aus Italien und Anna aus Finnland begannen in den unsicheren Zeiten der weltweiten Pandemie, sich freiwillig für ICJA zu engagieren. Madia studierte Jura mit den Schwerpunkten Völkerrecht und Diskriminierung. Sie wollte etwas in einem sozialen Bereich machen und gleichzeitig die Chance haben, in einer NGO zu arbeiten. Anna machte einen mutigen Schritt und entschied sich, direkt nach ihrem Abschluss nach Berlin zu kommen, mitten im Lockdown. Während des Interviews sprachen sie über ihre allgemeinen Erfahrungen mit ICJA und die Lektionen fürs Leben, die sie bereits gelernt haben.

Wie habt ihr von dieser Möglichkeit der Freiwilligenarbeit erfahren und was hat euch dazu bewogen, daran teilzunehmen?  

Madia: Ich hörte vor ein paar Jahren von dem ESC-Programm durch einen ehemaligen Kollegen, der daran teilnahm. Ich wurde neugierig und fing an, auf eigene Faust zu recherchieren und mich mit der Website von ICJA vertraut zu machen. Nachdem ich von dieser Stelle erfahren hatte, war mir klar, dass dies genau das ist, was ich machen wollte.  

Anna: Ich war ein Teil der Organisation, die im gleichen Verband wie ICJA in Finnland tätig ist - ICYE Finnland, und durch deren soziale Medien fand ich den Social-Media-Post über diese Stelle. Ich war frisch diplomiert, hatte während meines MA-Abschlusses Sprachen studiert, und die Beschreibung für diese Stelle passte sehr gut zu meinem Profil, da ich alle erforderlichen Sprachen sprach. Es war eine tolle Gelegenheit für mich, da ich mich für das Arbeitsfeld der internationalen Zusammenarbeit und des interkulturellen Austauschs interessierte. #

Hat der Standort Berlin bei eurer Entscheidungsfindung eine entscheidende Rolle gespielt?  

Madia: Eigentlich habe ich mich auf mehrere Stellen in ganz Europa beworben. Für mich war der Ort nicht so wichtig wie die Erfahrung selbst und die Freiwilligenarbeit, die ich machen würde. Berlin war schließlich eine perfekte Option für mich. Nicht nur, dass die Stellenbeschreibung sehr gut zu meinem Profil passte, sondern ich hatte auch die Chance, in einer Stadt zu leben, die eine Menge Vielfalt, Möglichkeiten und Menschen bietet, die sich für Projekte engagieren wollen.  

Anna: Ich glaube, das hat in meinem Fall auch eine Rolle gespielt. Ich habe vorher in Deutschland gelebt und wusste, dass ich die Kultur mag. Meine bisherigen Erfahrungen mit dem Land waren positiv, und ich wollte Berlin erkunden. Außerdem war es für mich sehr wichtig, die Sprache des Ortes, an dem ich als Freiwillige arbeiten würde, zu kennen, damit ich sie weiter üben und verbessern konnte. 

Was sind eure Aufgaben in der Organisation?  

Anna: Ich arbeite mit deutschen Bürgerinnen und Bürgern, die bereit sind, als Freiwillige nach Lateinamerika zu gehen. Ich mache Büroarbeit, bereite Papiere vor und helfe beim Ablauf. Zu meinen täglichen Aufgaben gehört es, ICJA bei dem organisatorischen Teil zu unterstützen.   

Madia: Wir machen beide das Gleiche; der Unterschied ist, dass ich mit den Leuten arbeite, die nach Afrika und Südostasien gehen. Wir helfen und unterstützen sie dabei, sich aufs Ausland vorzubereiten und begleiten sie während ihres Freiwilligendienstes. 

Madia, du bist seit Ende August Teil des Teams, und Anna, du hast vor einem Monat mit der Freiwilligenarbeit begonnen, was sind die wichtigsten Dinge und Erkenntnisse, die du bereits gelernt hast? 

Madia: Was ich aufgrund dieser besonderen Umstände am meisten gelernt habe, war zu improvisieren und mich besser auf die Veränderungen einzustellen. Außerdem habe ich verstanden, dass es entscheidend ist, meine Gedanken und Gefühle zu kommunizieren, wenn ich in Harmonie mit anderen arbeiten will. Die Tatsache, dass sich meine Kolleginnen und Kollegen um die Gefühle der anderen kümmern, schafft eine gesunde Arbeitsumgebung für alle. Zuvor habe ich in Anwaltskanzleien gearbeitet, wo die Leute etwas barsch sein konnten. Die Arbeit in einer Organisation, in der man von allen unterstützt und ermutigt wird, war eine augenöffnende Erfahrung.  

Anna: Ich bin noch in dieser Lernphase, in der ich mich gerade an das Arbeitsumfeld gewöhne. Im Moment geht es vor allem um die organisatorische Struktur, zu der es gehört, sich über ICJA und andere Freiwilligenorganisationen zu informieren. Ich interessiere mich für die Arbeit in NGOs, daher ist die Freiwilligenarbeit bei ICJA ein guter Grundstein für meine Zukunft. Ich kann dem zustimmen, was Madia über eine gesunde Arbeitsatmosphäre gesagt hat. Ich denke, dass meine Erfahrung aufgrund der Unterstützung durch die Kolleginnen und Kollegen und der Arbeitsbedingungen, die sie schaffen, positiv begonnen hat. Außerdem sind alle sehr flexibel und unterstützen den Wunsch, neben dem zugewiesenen Projekt auch an anderen Projekten teilzunehmen.  Zum Beispiel nehme ich jetzt am Tandem-Programm teil, bei dem Freiwillige mit Flüchtlingshintergrund in Berlin und ehemalige Freiwillige aus Deutschland ihre Erfahrungen austauschen und über spannende Themen diskutieren. Bei dem Projekt geht es vor allem um den Sprachaustausch, man trifft sich also online, um auf Deutsch und anderen Sprachen wie Arabisch und Farsi zu sprechen.  Es ist sehr interessant, da ich verschiedene Aspekte der Arbeit mit ICJA kennenlerne.

Madia, du hast deinen Freiwilligendienst zu einer Zeit begonnen, als Berlin noch nicht im Lockdown war. Das hat sich Ende November geändert - wie hat sich das auf deinen Alltag ausgewirkt, und war es einfach?  

Madia: Am Anfang bin ich jeden Tag ins Büro gegangen und um ehrlich zu sein, können wir das jetzt auch tun, da wir im gleichen Viertel wohnen. Allerdings gibt es Einschränkungen, wie viele Leute in den Büros sein können, und natürlich sollte jeder eine Maske tragen und soziale Distanz wahren. Der große Unterschied ist also die Tatsache, dass ich nicht mehr so viele persönlichen Kontakte knüpfen kann wie früher. Mein Sozialleben wurde natürlich beeinträchtigt, aber meine Arbeitserfahrung ist genauso angenehm und interessant wie vorher. Online zu arbeiten hat keinen Einfluss auf meinen Lernprozess oder die Erfahrung mit ICJA. 

Anna, du bist in Berlin angekommen und hast während des Lockdowns angefangen, dich freiwillig zu engagieren. War es ein leichter Übergang für dich?  

Anna: Als ich anfing, war die Situation überall gleich, also dachte ich, egal wo ich war, die Pandemie würde mich betreffen.  Ich entschied mich einfach dafür, und der Übergang von meinem Land zu hier war sehr reibungslos, da ich wusste, was mich erwarten würde. Ich wusste, dass ich nicht in der Lage sein würde, durch das Land zu reisen oder mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen, aber ich wollte hierherkommen, um Arbeitserfahrung zu sammeln, und ich dachte, es wäre interessant, dies zu tun. 

Gab es irgendwelche Herausforderungen, mit denen ihr während der Zeit des Freiwilligendienstes konfrontiert wart?  

Madia: Ich kann mir keine großen Herausforderungen vorstellen. Am Anfang war ich jedoch ein wenig besorgt über meine Leistung und die Arbeit im Allgemeinen. Die Software, die die Organisation verwendete, war mir nicht vertraut, daher hatte ich ein wenig Angst.  Allerdings waren alle so unterstützend und hilfsbereit, dass ich mich bald als Teil des Teams fühlte und aufhörte, mir Sorgen zu machen. Die Tatsache, dass ich immer Fragen stellen konnte, war sehr beruhigend.  

Anna: Ich bin erst seit einem Monat hier, aber es gab noch keine Herausforderungen. Natürlich muss man sich am Anfang an alles gewöhnen. Aber wie Madia schon erwähnt hat, haben mein Vorgesetzter und meine Kollegen dafür gesorgt, dass ich alle meine Fragen beantwortet bekam. Da Madia außerdem erfahrener ist als ich, kann ich mich immer auf sie verlassen und alle schnellen Fragen stellen. Sie hat mir in den ersten Wochen sehr geholfen. 

Wie würdest du deine bisherigen Erfahrungen mit einem Wort beschreiben?  

Madia: Das erste Wort, das mir einfällt, ist: intensiv.  

Anna: Ich würde sagen: international. Ich denke, das fasst die ganze Erfahrung gut zusammen.  

Was würdet ihr den Leuten sagen, die sich für diese Stelle bewerben wollen, aber Angst haben, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen und in einem fremden Land zu leben?  

Madia: Ihr müsst nicht so viel nachdenken. Macht es einfach. Selbst unter diesen besonderen Umständen kann man noch so viel lernen und erleben, auch in der Heimat. Allein die Arbeit in einer Fremdsprache macht einen erfahrener.  

Anna: ICJA ist so gut organisiert, dass man sich nicht alleine fühlt und immer jemand da ist, der einen unterstützt. Die Organisation sorgt dafür, dass die Freiwilligen einen reibungslosen Übergang von einem Land zum anderen haben. Außerdem gibt es so viele andere Organisationen, die ESC-Freiwillige aus dem Ausland aufnehmen und dafür sorgen, dass sie eine tolle Erfahrung machen. Letztendlich ist es aufgrund dieser Tatsachen ein einfacher Schritt, den man machen kann. Also, macht es einfach! 

Das Interview führte Sofio Rukhadze durch, Mitarbeiterin des Projektbüros der Europäischen Freiwilligenhauptstadt und selbst engagierte Freiwillige in Berlin, die aus Geogien kommt.

 

ICJA Freiwilligenaustausch weltweit e.V.

ICJA Freiwilligenaustausch weltweit e.V. wurde 1949 als ein Versöhnungsprogramm zwischen den USA und Deutschland gegründet. Heute organisiert ICJA Freiwilligenaustauschprogramme auf der ganzen Welt und das aktuelle Management hat langjährige Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Freiwilligen und Partnerorganisationen aus über 40 verschiedenen Ländern auf allen Kontinenten. Die Hauptprojekte und Programme von ICJA konzentrieren sich auf Friedensarbeit, interkulturelle Bildung und die Förderung von aktiver Bürgerschaft, globalem Lernen und sozialem Engagement. Das Hauptbüro von ICJA befindet sich in Berlin, wo derzeit ca. 30 Mitarbeiter und 3 Auszubildende und 3 Ehrenamtliche tätig sind. Ein sehr wichtiger Teil der Arbeit wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern in regionalen und lokalen Komitees in ganz Deutschland geleistet.

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