Magazin

Engagement und Aktivismus – und die Frage nach dem Warum

- Ein Artikel von Natalia Amina Loinaz -

Berlin ist Freiwilligenhauptstadt 2021. Meine Stadt, in der ich seit 1990 lebe und mich engagiere –immer wieder anders und auf verschiedenen Ebenen. In diesem Jahr, 2021, habe ich die Berliner Ehrung des Freiwilligenpasses erhalten, nach meinem 15–jährigen Engagement in meiner muslimischen Gemeinde. Zu den Gründen für mein Engagement und meinen Aktivismus habe ich mir einige Gedanken gemacht und ein paar Thesen aufgestellt, warum ich mich und viele andere sich engagieren.

Dieser kleine Einblick in meine persönliche Motivation für mein Engagement und meinen Aktivismus soll Rückschlüsse auf allgemeingültige Motivationen ermöglichen. Die Motivationen von engagierten Menschen sind aber natürlich sehr individuell und komplex.

© Migrationsrat Berlin e.V.

These 1: Eine intrinsische Motivation, die Welt positiv zu gestalten 

Die Gründe für das Engagement sind wohl sehr verschieden. Ich frage mich immer, was mich selbst antreibt, mich zu engagieren – vor allem, wenn Freund*innen und Familie mir sagen, sie selbst hätten dafür gar keine Zeit. Eine Freundin hat mich vor kurzem angesprochen, warum ich mich für den Vorstand eines Vereins habe wählen lassen – sie selbst hätte dafür gar nicht die Zeit. Zeit habe ich ganz sicher auch nicht, aber den inneren Drang, in einer wichtigen Phase einer Organisation mitzugestalten, meine Spuren zu hinterlassen. Das Gefühl, ein wichtiger Teil zu sein, mitzugestalten, gibt mir auch die Bestätigung, dazuzugehören. Es ist auch die Bestätigung, dass ich und meine Stimme wichtig sind, auch weil ich selbst aktiv dafür sorge, sie wichtig zu machen. 

 

These 2: Vorbilder in der Familie und Umfeld und biografische Prägung spielen eine wichtige Rolle 

Mein selbstverliebtes Ich sagt sich natürlich: «Du bist halt besser, weil du höhere Ziele hast als essen, schlafen, arbeiten, sterben.» Aber das ist nur ein Teil einer sehr komplexen Wahrheit. Schauen wir uns die Biografien von Aktivist*innen an, dann fällt auf, dass die Vorbildfunktion in der Familie und im Umfeld eine große Rolle spielt. Die Schulleiterin meiner Tochter sagte mir nach einer Schulkonferenz, an der ich als Elternsprecherin teilnahm: «Es ist erstaunlich, wie sich das Elternhaus auch im Engagement widerspiegelt. Sehr oft sind die Kinder Klassensprecher*innen und die Eltern Elternsprecher*innen.» Wie auch in unserem Fall. Auch meine Eltern haben in den 1990er Jahren einen kulturellen Verein in Berlin gegründet, um den Argentinier*innen einen Ort zu geben, wo sie ihre Feste und Zusammenkünfte haben können. Schon mein Großvater war politisch aktiv bei den Jungsozialist*innen, bevor er als linker Jude Berlin verlassen musste – und damit den Nazis entkam, um in Argentinien eine neue Heimat zu finden. Ich werde wohl in meiner Familiengeschichte einige Menschen finden, die sich politisch und sozial engagiert haben. Ich werde aber auch viele finden, denen es nicht so wichtig war und denen es «reichte», einfach ihr Leben zu leben. Schlussendlich habe ich mir aber ein Vorbild genommen an denen, die sich mehr engagiert haben. 

 

These 3: Ein großes Ungerechtigkeitsempfinden, das dich antreibt 

Meine eigene Migrationserfahrung und die Brüche in meinem Leben haben mich für die sozialen Ungleichheiten sensibilisiert. Als ich den Islam annahm, war es aufgrund meiner persönlichen Selbstsuche und Liebe, die ich zu dieser Religion empfand. Ich wusste nicht – und wollte es auch nicht wissen –, dass ich mich damit ins «soziale Aus» schieße, wie mir viele in der Zeit sagten. Denn in meinen Augen kann es das nicht geben. Eine Welt, die auf Gerechtigkeit beruht, kennt keine soziale Ungerechtigkeit aufgrund von Religion, ethnischer Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Hautfarbe oder Behinderung. Naivität gehört zwar nicht zu den Eigenschaften von Aktivist*innen, aber ganz sicher eine große Portion Idealismus. 

Der Wunsch, diese Welt positiv mitzugestalten, meine prägenden Vorbilder, mein Idealismus und ein großes Ungerechtigkeitsempfinden treiben mich an. Aber am Ende darf eines nie zu kurz kommen: der Spaß an der Sache! Mit anderen Menschen etwas zu bewegen, macht einfach Spaß und bringt Freude. Meistens. 

Dieser Artikel ist Teil des Online Dossiers des Migrationsrat Berlin e.V., unserem Partner für das Aktionsfeld "Migration und Teilhabe".

Natalia Amina Loinaz ist Projektleiterin des Leadership-Programmes ASMA bei Inssan e.V. Die studierte Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin und Lateinamerikanistin engagiert sich für Bildung, Chancengleichheit und gegen Diskriminierung.

Leadership-Programm ASMA bei Inssan e.V.