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Engagement in der Post-Arbeitsgesellschaft: Heute schon für den gesellschaftlichen Zusammenhalt von morgen sorgen

Die Arbeitswelt wird sich in den kommenden Jahren drastisch ändern. Weltweit übernehmen Digitalisierung und Automatisierung einen Großteil der heute bekannten Arbeitsfelder. Im Zuge dieser Entwicklung entstehen zwar auch neue Jobprofile, doch langfristig wird die klassische Erwerbsarbeit an Bedeutung verlieren. In der hybriden Diskussionsveranstaltung am 18.11. fragten wir uns: Wie kann Engagement heute und morgen Identität stiften und so gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken? Was wird unsere Gesellschaften zusammenhalten, wenn Erwerbsarbeit für viele unerreichbar wird? Worüber bilden sich individuelle Identitäten und Biografien, wenn der Job und die dort erbrachte Leistung wegfallen? Wer am 18.11. nicht dabei sein konnte oder nochmal reinhören möchte, kann sich die Aufzeichnung hier ansehen!

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In den westlichen Gesellschaften führen wir uns dieses Szenario immer mehr vor Augen, machen erste Gehversuche, wie sich damit umgehen lässt. Das wohl prominenteste Beispiel dafür ist die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Es soll allen Bürgerinnen und Bürger weiterhin einen guten Lebensunterhalt garantieren – unabhängig vom Erwerbsstatus. Doch wir glauben, dass allein ist nicht genug. Wir müssen uns auch kollektiv mit den Werten befassen, die unsere Gesellschaft in Zukunft zusammenhalten sollen. 

Denn es wird nicht darum gehen, Menschen irgendwie finanziell am Leben zu erhalten. Ebenso wenig wird es darum gehen, sie zu beschäftigen. Was wir vor allem brauchen werden, ist ein Ersatz für das, was Erwerbsarbeit neben einem finanziellen Einkommen in der Regel auch verspricht – nämlich sinnvolle und anerkannte Beiträge zur Gesellschaft.  

Die Anforderungen an die Politik sind also klar: Es muss ihr gelingen, groß angelegte gesellschaftliche Räume und Strukturen zu schaffen (oder zu fördern), in denen sich Menschen unabhängig von Job oder Anstellung einbringen können, Teilhabe erfahren und Sinnstiftung erleben.  

In unserer Diskussionsrunde sprachen wir darüber, welches Mindset und welche Wertebasis Entscheiderinnen und Entscheider von heute brauchen, um das weitgehend noch unbekannte Terrain der digitalen Post-Arbeitsgesellschaft zu gestalten; ob und inwiefern uns Engagement und Freiwilligenarbeit den Weg in diese Zukunft leiten können. Denn schließlich sehen wir schon heute, was unsere Gesellschaft in Zukunft noch viel mehr benötigt: Menschen, die sich gemeinsam einbringen, sich wertschätzen und einander Anerkennung schenken. Und all das selbstbestimmt, ohne finanziellen Anreiz und aus eigener Motivation heraus.  

Die Gäste auf der Bühne waren (von links nach rechts): 

Moderiert wurde der Abend von Ina Zukrigl-Schief (rechts im Bild).

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Einen kurzen Impulsvortrag gab uns Jürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Er sprach zu den Themen Postarbeitsgesellschaft, bedingungsloses Grundeinkommen und ehrenamtliches Engagement und skizzierte, wie sie miteinander zusammenhängen. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, was passiert, wenn Menschen nicht länger gezwungen wären für einen passablen Lebensunterhalt zu arbeiten: Lägen sie auf der faulen Haut oder würden sie sie sich umgekehrt vielleicht sogar mehr engagieren und gesellschaftlich einbringen? Um dies empirisch zu ergründen, wurde letztes Jahr in Berlin ein Pilotprojekt zum bedingunglosen Grundeinkommen gestartet. "Das bedingungslose Grundeinkommen würde unser System der sozialen Sicherung komplett auf den Kopf stellen.”  

Darauf ging es in den Austausch zwischen den Pannelistinnen und Pannelisten. Die Coronapandemie habe gezeigt, dass es noch mehr gibt als nur die Arbeit. Ehrenamt könne den eigenen Horizont erweitern, beschreibt Dagmar Poetzsch. Auch Peter Wagenknecht erzählt von steigenden Anfragen in den Freiwilligenagenturen während der Krise, viele sahen die Not und wollten helfen.  

Eine Erkenntnis des Abends war, dass verstärkt Werte wie Selbstwirksamkeit in den Fokus rücken, die sich neben klassische Motivatoren für Engagement gesellen – wie etwa traditionelle Wertebindungen, die über die Generationen weitergegeben werden. Wichtig sei, so Friedrich Rohde von KIEZConnexct, dass die Erfahrung von Selbstwirksamkeit die Demokratie stärke. Denn durch sie entstehe Teilhabe. Und Teilhabe könne auf kleiner Ebene – zum Beispiel im Kiez - sehr einfach geschaffen werden. Dennoch müsse gesehen werden, dass Teilhabe aktuell nicht für alle gleichermaßen möglich ist. Strukturen, die andere ausschließen, müssten deshalb vermieden werden. 

Entscheidend ist, so Poetzsch, dass Ehrenamt geprägt ist von der Freiwilligkeit. Da es kein Vertrag und auch keine Ehe sei, könne man selbst entscheiden, was und wie viel man macht oder auch einfach wieder gehen. Ehrenamt sollte hier flexibler sein, sodass die Leute mit ihren Interessen und Ressourcen abgeholt werden könnten.  

Ein weiteres Thema der Gesprächsrunde war die Finanzierung von ehrenamtlicher Arbeit – denn diese spiele eine wichtige Rolle in der Zukunft, so die einhellige Meinung in der Runde. Alle Menschen sollten es sich leisten können, sich zu engagieren. Es brauche neue Ansätze, wie z.B. eine kostenlose Fahrkarte, um den Einsatzort zu erreichen, oder Freistellungen von der Arbeit. Weiterhin wurde diskutiert, ob finanzielle Wertschätzungsleistungen oder auch die Idee, Engagement zur bürgerlichen Pflicht zu machen, die intrinsische Motivation von freiwilligem Engagement zunichtemachen würden –  oder genau der richtige Weg seien, um Engagement langfristig zu stärken. 

Doch auch das Publikum konnte sich beteiligen: wir stecken in einem Dilemma, beschreibt eine Teilnehmerin. “Ehrenamt ist, wie der Name sagt, eine Ehre und wir brauchen mehr Anerkennung.” Aber auf der anderen Seite gibt es die monetarisierte Gesellschaft, wo Wertschätzung durch Geld geschaffen wird. Doch Ehrenamt sei unbezahlbar und wir sollten wieder dahin kommen, dass es als selbstverständlich gilt, Fürsorge in der Gesellschaft zu übernehmen. 

Aber die abschließende Frage bleibt: Welche Werte bringt das Engagement für die Gesellschaft von morgen mit? Die Gäste und auch Zuschauer vor Ort und online haben gesammelt:  

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Kurze Rede, langer Sinn - hier ist die Aufzeichnung des Abends: 

Die Diskussion startet nach wenigen Augenblicken.