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Engagement bei Bürgerplattformen: Wie können wir diese Stadt gemeinsam lebenswerter machen?

Andrea Iman Reimann ist Vorsitzende des Deutschen Muslimischen Zentrums in Berlin (DMZ). Die Gemeinde und der Verein sind in Berlin-Moabit ansässig. Dort engagiert sich Frau Reimann seit 1996 und ist seit 9 Jahren in leitender Funktion. Sie ist Mitglied im Lenkungskreis der Freiwilligenhauptstadt und engagiert sich bei der Bürgerplattform, über die sie hier mit uns spricht. Ob es einen Unterschied zwischen muslimischem und nicht muslimischem Engagement gibt, was es für sie bedeutet sich zu engagieren, wie wir Menschen erreichen können und was zukünftig noch besser laufen kann in dieser Stadt – dazu mehr in diesem Interview mit ihr.

© DMZ Berlin
© DICO Berlin

Wie sind Sie zur Bürgerplattform gekommen und warum engagieren Sie sich dort?

Vor über 10 Jahren ist eine Organizerin aus Berlin, also Wedding/Moabit, von der Bürgerplattform damals auf mich zugekommen. Sie hat vorgestellt, was sie machen, wie sie arbeiten und welche Ziele sie haben. Das hat mich sehr interessiert, weil ich gesehen habe, dass im Wedding und Moabit Menschen mit unter-schiedlichen Hintergründen zusammenkamen. Das waren Kirchengemeinden, verschiedene Moscheen, soziale Vereine und Vertreterinnen und Vertreter diverser Projekte, die sich für ihren Kiez oder auch für die Stadt engagieren. Ich bin dort mit Menschen zusammengekommen, die ich sonst wahrscheinlich nicht kennengelernt hätte.

Ich habe auch gemerkt, dass hier Menschen zu Wort kommen, die man sonst nicht hören würde. Menschen, die sich auch selber nicht trauen würden, etwas zu sagen, weil sie vielleicht noch nicht so gut Deutsch sprechen. Oder eben vielleicht keine höhere Schulbildung aufweisen. Oder Menschen, die sich einfach aufgrund ihres Status innerhalb der Gesellschaft selbst nicht als geeignet empfinden, etwas zu sagen – vor allem, um mit Politikerinnen und Politikern ins Gespräch zu kommen oder mit Personen aus der Verwaltung. Das fand ich alles sehr spannend und reizvoll und habe auch durch verschiedene Aktionen, die wir über die Bürgerplattform gemacht haben und mit sogenannten Aktionsteams viele gute Erfahrungen gesammelt.

Was genau begeistert Sie an der Arbeit mit der Bürgerplattform?

Ich merkte, wie engagiert Menschen sind, wie sie zusätzlich ihre Zeit aufwenden, um für die Interessen ihrer eigenen Gruppenmitglieder einzutreten, die dann auch wiederum der Stadt oder dem Bezirk zu Gute kommt. Das hat mich selber auch empowered, weil ich mich plötzlich anders wahrgenommen habe. Ich bin nicht mehr nur muslimische Vertreterin für religiöse Belange, sondern es geht hier um die Gesellschaft und mich, indem ich beispielsweise mit einer Senatorin gemeinsam am Tisch sitze und mein demokratisches Recht wahrnehme. Es geht nicht nur darum Forderungen zustellen, sondern gemeinsam zu handeln. Wir bereiten uns in unseren Aktionsteams auch immer vor: Was könnte man verbessern? Welchen Beitrag können wir leisten? Wir sind nicht nur Leute, die rummeckern, sondern wir möchten wirklich mit den Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung zusammen etwas erreichen. Daraus hat sich schon viel Gutes ergeben.

Was zum Beispiel?

Vor etwa 6 Jahren ging es um die Personalproblematik der Ausländerbehörde. Es gab zu wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gab viele Herausforderungen, zum Beispiel das Thema Sprachkenntnisse oder die Zugänge zu den Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiten. Wir haben im Vorfeld Befragungen mit Menschen durchgeführt, direkt vor der Ausländerbehörde, um herauszufinden, was fehlt bzw. verbesserungswürdig ist. Und wir konnten mit dem Innensenator sprechen und auch mit dem Leiter der Ausländerbehörde, sodass zusätzliches Personal eingestellt wurde. Ein anderes Beispiel ist der Leopoldplatz im Wedding, der ein großes Problem mit der Drogenszene hat. Uns war es ein Anliegen, dass dieser Platz wieder lebenswerter und sicherer für die Anwohnerinnen und Anwohnern wird. Und gleichzeitig wurden diejenigen, die ein Drogen- oder Alkohol-Problem haben, nicht einfach nur verdrängt, sondern es wurde dafür Sorge getragen, dass sie dort einen Platz haben, dass es Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter für diese Menschen gibt. Dank der Bürgerplattform kommen wir mit Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern zusammen. Das ist immens wichtig.

© DMZ Berlin

Wie arbeiten die Bürgerplattformen Berlins zusammen?

Wir haben immer einmal im Jahr einen Klausurtag am Anfang des Jahres, wo die Bürgerplattformen Berlins zusammenkommen und darüber sprechen: Was ist der aktuelle Stand? Wir arbeiten mit dem Deutschen Institut für Community Organising (DICO)zusammen, die uns die Organizerinnen und Organizer stellen, die uns wiederum in unseren Vorhaben professionell unterstützen. Aber wir entscheiden selbst, welche Themen wir bearbeiten möchten.

Wie finanzieren Sie sich?

Wir werden nicht per se von Irgendjemandem gefördert. Das heißt, wir müssen immer gucken, wo wir die finanziellen Mittel herbekommen. Das macht uns bewusst, dass wir uns nicht nur darauf verlassen können, dass andere etwas für uns tun. Unterstützt werden wir manchmal durch Stiftungen, eine große Spende oder Unternehmen.

© DICO Berlin

Wie bilden wir gesellschaftliche Vielfalt im Engagement - und auch in den Bürgerplattformen - ab?

Wir sind jetzt dabei, in Charlottenburg Wilmersdorf eine weitere Bürgerplattform aufzubauen. Wir schauen, welche Vereine oder religiöse Gemeinschaften es gibt, sprechen diese an und laden sie zu einer Aktion oder einem Kernkreis-Treffen ein. Wenn jeder zwei Leute mitbringt und diese merken: “Die sind ja irgendwie alle ganz nett und aufgeschlossen und es geht auch wirklich um mich und um meine Belange”, dann entsteht Vertrauen. Wenn sie sich dann selber auch in einer Veranstaltung oder Aktion erleben, dann werden sie selbstwirksam. Gerade das finde ich sehr erstaunlich: Sie sitzen in einer Runde mit einer Politikerin oder mit Jemandem aus der Verwaltung und dieser Mensch muss ihnen ja zuhören. Er kann nicht einfach sagen:“Wissen Sie, das dauert mir jetzt zu lange bis sie Ihren Satz beendet haben.” Sie müssen das ja mitmachen und das zeigt ihnen, dass die Menschen etwas zu sagen haben. Manchmal kommt man ja gar nicht aus dem eigentlichen Fachgebiet, was da gerade diskutiert wird, aber es interessiert einen und man hat trotzdem was dazu zu sagen und das sind sozusagen die Erfolgsmomente für diese Menschen.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen muslimischem und nicht-muslimischem Engagement?

Ich glaube, muslimisches Engagement ist immer an eine Gottesbeziehung gekoppelt. Ich gebe meine freie Zeit für etwas her, weil es meiner Beziehung zu Gott nützt. Das heißt, meine Motivation ist nochmal anders gestärkt. Wenn man aus einem religiösen Bereich kommt, muss man es schaffen, diesen Transfer zu leisten: Ich bin nicht nur ehrenamtlich engagiert in meiner religiösen Gemeinschaft, sondern mein religiöses Tun leistet auch einen Beitrag für die Gesellschaft. Dann ist das Engagement nicht mehr in einer Nische drin. Ich finde das häufig in muslimischen Gemeinschaften schwierig, wo ja sehr viel Engagement passiert. Nehmen wir nur die Flüchtlingshilfe oder Engagement für Obdachlose. Meistens wird das nur unter religiösen Gesichtspunkten betrachtet.

Und was bedeutet Ihnen ihr Engagement?

Für mich gehört Engagement zu meinem Leben dazu. Ich hätte große Schwierigkeiten irgendwann zu sagen:“Jetzt mach’ ich gar nichts mehr”, denn dann komme ich nämlich in den Bereich, wo sich etliche Menschen auch befinden: In einer Konsumhaltung. Und dadurch verlieren sie den Bezug zur Umwelt. Durch den Kontakt zu meiner Umwelt sehe ich, wo jemand vielleicht meine Hilfe braucht oder wo ich helfen kann, etwas zu verändern. Ich möchte mich selber auch spüren in dem, was ich tue. Ich nehme nicht an, dass mein Engagement Berge versetzt. Das auf gar keinen Fall. Aber ich sehe mich auch als Netzwerkerin. Also kann ich auch anderen Menschen Informationen weiterleiten, vielleicht auch nochmal andere Sichtweisen eröffnen, indem ich auf bestimmte Inhalte usw. hinweise. Mir würde wirklich etwas fehlen, wenn ich es nicht mehr täte. Man kann immer über den Umfang sprechen, aber dazu fühle ich mich auch einfach zu sehr als Berlinerin. Mir liegt diese Stadt am Herzen. Da, wo ich etwas beitragen kann, möchte ich das auch tun.

Wie gelingt es, dass wir den Menschen, die sich schon engagieren, mehr Wertschätzung entgegenbringen?

Als DMZ haben wir schon zweimal bei der Vergabe der Freiwilligenpässe im Roten Rathaus teilgenommen. Da habe ich gemerkt, dass das bei meinen Mitgliedern sehr gut ankommt oder ankam - auch mal von anderen gesehen zu werden, die sie nicht kennen. Plötzlich stehen sie auf der Bühne und bekommen diesen Freiwilligenpass überreicht. Das ist von unschätzbarem Wert, finde ich, weil das einfach nochmal klarmacht: Ich werde gesehen und auch wahrgenommen mit meinem Engagement. Im muslimischen Bereich wissen wenige Organisation oder Moscheevereine, dass es die Freiwilligenpässe gibt.

Mit Blick in die Zukunft: Was wünschen Sie sich?

Von politischer Seite wünsche ich mir mehr Wahrnehmung von Freiwilligen und deren Ehrenamt oder, dass auch da, wo Bürgerbeteiligung stattfindet, es nicht nur als ein schöner Moment wahrgenommen wird, im Sinne von: Toll, dass wir jetzt hier zusammenkommen, sondern dass daraus auch etwas heranreifen kann. Wie können wir gemeinsam diese Stadt lebenswert machen und uns miteinander wohlfühlen? - Ich glaube, wenn wir das wirklich auf längere Sicht richtig einüben im Miteinander, dann kann sich noch viel mehr ergeben. Dann sind vielleicht Freiwillige weiterhin bereit, auch mehr Zeit zu investieren für Menschen und Projekte.

Community Organizing (CO)

Community Organizing (CO) ist ein praktischer Handlungsansatz der politischen Stadtteilarbeit in der Zivilgesellschaft. Community Organizerinnen und Organizer bauen sogenannte Bürgerplattformen auf: Sie knüpfen Beziehungen und vernetzen Gruppen. Dadurch können sich die Gruppen zusammen aktiv für die Themen einsetzen, die im Interesse aller Mitwirkenden sind und ihr Umfeld mitgestalten. In Berlin gibt es aktuell vier Bürgerplattformen: SO! MIT UNS – Berlin Südost, Wir Sind Da! Wedding / Moabit, WIN – Wir in Neukölln und WIR BEWEGEN SPANDAU. Diese haben zum Ziel, die Stärke von Zivilgesellschaft durch Beziehungen fördern. Bei den Bürgerplattformen nehmen sich Menschen aus Kirchen- und Moscheegemeinden, Vereinen und Nachbarschaftsinitiativen bewusst die Zeit, um sich über sprachliche, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg kennenzulernen. Als Bürgerplattform setzen sich Menschen und Gruppen konstruktiv für die Anliegen in der Stadtgesellschaft ein.

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