Magazin

Diversität in der Freiwilligenarbeit – Barrieren abbauen und Chancen wahrnehmen

Wie kann Freiwilligenarbeit so organisiert werden, dass alle Menschen aktiv an ihr teilhaben können? Wie kann sie für einen diverseren Kreis an Menschen attraktiv gemacht werden? Welche Rahmenbedingungen sind hierfür nötig? Welche Barrieren und diskriminierende Strukturen gibt es und wie können sie abgebaut werden? Darum ging es in der digitalen Podiumsdiskussion am 2.12., der letzten Diskussionsrunde des Aktionsjahres der Freiwilligenhauptstadt.

von links oben nach rechts unten: Sawsan Chebli, Irene Sang, Jemila Nesredin-Said, Niklas Alt, Cima-Nadja Samadi, Edwin Greve © Mathias Bothor / Julia Rethwisch / captivation studio / Lichthelden FotoStudio Kauffmann / Edwin Greve 2021 / privat

Freiwilliges Engagement wird allgemein als sehr wichtiger, wenn nicht essenziell stützender Teil der Gesellschaft betrachtet. Es bietet nicht nur immense Chancen für die Organisationen und Projekte, die von ihm profitieren, sondern auch für die Menschen, die sich engagieren. So kann es Bildung, Austausch und die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls ermöglichen. Es kann Sinn stiften, erlaubt den Einsatz für die eigenen Rechte und die anderer und die Mitgestaltung demokratischer Prozesse. Es sollte allen Menschen ein gleichberechtigter Zugang zum freiwilligen Engagement ermöglicht werden. Freiwilligenarbeit sollte allen Menschen offenstehen: Menschen jeden Alters, jedes sozio-ökonomischen Hintergrundes, Menschen mit Rassismus- und Antisemitismuserfahrung und/oder mit Flucht- oder familiärer Migrationsgeschichte, queeren Menschen, Menschen mit Behinderungen. In der Realität gibt es eine Vielzahl an Hindernissen, die einer gleichberechtigten Teilhabe im Weg stehen. 

Welche sind diese und wie kann Freiwilligenarbeit so organisiert werden, dass tatsächlich alle Menschen aktiv an ihr teilhaben können? Wie kann sie für einen diverseren Kreis an Menschen attraktiv gemacht werden? Welche Rahmenbedingungen sind hierfür nötig? Welche Barrieren und diskriminierende Strukturen gibt es und wie können sie abgebaut werden? Welche Freiwilligenarbeit gibt es, die weitgehend „unsichtbar“ bleibt und wie können wir ihr mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen? Diese und weitere Fragen erörterten wir mit unseren Podiumsgästen. 

Die Podiumsdiskussion moderierte die 22-jährige Elif Bayat (Mitglied des JIK-Gremiums). Mit kritischen Fragen und immer wieder nachhakend forderte sie die unsere Diskutant*innen heraus: 

  • Sawsan Chebli (Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales) 

  • Cima-Nadja Samadi (Referentin für diversitätsorientierte Organisationsentwicklung) 

  • Jemila Nesredin-Said (BUND-Jugend) 

  • Irene Sang (Freiwilligenagentur Charisma) 

  • Niklas Alt (Paritätischer Wohlfahrtsverband LV Berlin e.V.) 

  • Edwin Greve (Antidiskriminierungs-Trainer im Projekt i-PÄD - Intersektionale Pädagogik beim Migrationsrat Berlin) 

Irene Sang startete die Diskussion und plädierte für ein neues Bewusstsein, dass z.B. Menschen mit Behinderung oder Fluchterfahrungen nicht nur Hilfeempfänger sind, sondern sich selbst einbringen wollen. Dafür müssen die Rahmenbedingungen stellenweise angepasst werden. 

Edwin Greve ergänzte, dass es unterschiedliche Motivationen für gemeinnütziges Engagement und so auch unterschiedliche Handlungsrahmen gibt. Die eine Idee entspringe dem Gedanken des sozialen Miteinanders, die andere Idee aus einer Selbstorganisation, weil niemand anderes helfe? 

Es sei wichtig zu vergleichen, wo etwas schon gut funktioniert und was wir daraus für Orte und Einsatzstellen lernen können, wo es nicht gut funktioniert, plädierte Cima-Nadja Samadi. 

“Die jugendliche Engagementszene ist geprägt von weißen Akademikern”, sagte Jemila Nesredin-Said. Die Aufgabe sei es nicht, dass bestimmte Gruppen sich mehr engagieren, sondern ein Raum geschaffen werde, wo sich alle wohlfühlen.  

Sawsan Chebli fand es schade, dass alles defizitorientiert betrachtet wird. Der Titel der EVC zeige, wie viel sich schon verändert hat. In vielen großen Projektvorhaben wie der Demokratietag, die Engagementstrategie oder auch EVC-Lenkungskreis wurden bereits viele unterrepräsentierte Gruppen miteingebunden und mit ihnen zusammengearbeitet. “Es ist noch eine Menge zu tun und es ist noch nicht alles erreicht”, sagte sie. Aber es gebe einen Kulturwandel und in den Köpfen vieler ändere sich was. “Aber wir haben noch viele Hausaufgaben und wir sind immer für Ratschläge offen”, signalisierte sie den Teilnehmer*Innen 

Niklas Alt stellte den gesellschaftlicher Gerechtigkeitsanspruch in den Fokus: “Es gibt eine Vielfalt in der Gesellschaft und für all diese Vielen brauchen wir Teilhabemöglichkeiten. Es gibt viele Barrieren, aber vor allem müssen wir die wahren Experten einbeziehen und fragen: “Was braucht ihr?” und dann eng zusammenarbeiten.” 

 

Edwin Greve teilte Frau Cheblis Auffassung, dass in den vergangenen Jahren ein Wandel stattgefunden hat. Er beschrieb es als zweiseitiges Schwert: “Am Anfang sind alle motiviert und wollen ganz viel ändern, aber dann merkt man auf der anderen Seite, dass solche Veränderungen auch unbequem sein können. Wenn nicht alle gleiche Rechte und Handlungsmöglichkeiten haben, braucht es grundlegende Umstrukturierungen, die nicht immer leichtfallen.” 

Ein Erfolgsfaktor für I-PÄD ist auch das Netzwerk, in dem sie agieren und mit denen sie zusammenarbeiten - voneinander, miteinander. Das betont die Wichtigkeit des Austausches um Barrieren abzubauen. Auch die Freiwilligenagentur Charisma nutzt Vernetzungen, um allen Möglichkeiten für individuelles Engagement zu geben und neue Einsatzorte zu erschließen. 

“Stigmatisierung von Menschen passiert”, kritisierte Cima-Nadja Samadi. “Ein wichtiger Teil des Engagements in Deutschland wird von POC gemacht, aber bei Auszeichnungen wird dieser Teil nicht gesehen oder nicht ausreichend anerkannt”. Auch Jemila Nesredin-Said, die selbst ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) macht, kritisierte die fehlende Diskriminierungssensibilität: “Bestimmte Machtpositionen zu hinterfragen ist sehr schwierig und solche Prozesse passieren nicht in allen Einsatzstellen. Auch wird oft im Klimaaktivismus der soziale Aspekt im ökologischen übersehen”, sagte Jemila Nesredin-Said. Daher müsse eine Diskriminierungssensibilität ausgebaut werden. “Dies ist eine große Barriere für viele”, ergänzte Jemila Nesredin-Said. Niklas Alt verstärkte dieses Argument und sagte, dass es nicht nur Sensibilität brauche, sondern auch Kompetenzen aufgebaut werden müssen, um z.B. struktureller Diskriminierung entgegenzuwirken. Dafür brauche es eine gesunde Kritikkultur und eine Offenheit für Kritik, für mehr Selbstreflexion, ergänzt Jemila Nesredin-Said. 

“Das Thema Diversität ist im Bewusstsein vieler Organisationen”, berichtete Niklas. “Aber Diversität ist so ein großes Thema, dass es viele erschlägt. Dafür gibt es mittlerweile das Projekt Stadtteilzentren inklusiv, wo Expert*Innen in eigener Sache mit den Zentren gemeinsam Schwachstellen finden und nach Lösungen suchen”, erläuterte er. Doch ein wichtiger Faktor bei allen Diskutant*innen ist der Faktor Geld, welches stellenweise bei einer wirkungsvollen Veränderung und Umsetzung von Maßnahmen fehlt.  

Niklas Alt zog abschließend ein Fazit, dem alle Beteiligten zustimmen konnten: “Wir müssen noch mehr zusammen gucken, wie wir unser geballtes Wissen verknüpfen können und wo wir, einzeln und zusammen, mehr Wirkung entfalten können.”