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Telefonseelsorge: erste Anlaufstelle für Sorgen und Nöte

Das erste Aktionsfeld “Seelische Gesundheit” der Freiwilligenhauptstadt startete am 4.3.2021 mit einer digitalen Auftaktveranstaltung zu den verschiedenen Telefon-Seelsorgebereichen der Diakonie, einer Podiumsdiskussion mit Haupt- und Ehrenamtlichen, parallel stattfindenden Workshops sowie einem wissenschaftlichen Vortrag zu den psychologischen Auswirkungen der Pandemie auf den Alltag.

© Gundula Vogel (pixabay)

“Heute sind die Herausforderungen durch die Pandemie sehr hoch. Wir erleben auch eigene Betroffenheit, wir sind alle mitten drin und wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird.  Das Miteinander zwischen Ehrenamt und Hauptamt kann viel bewegen in dieser Zeit. Mit diesen Worten eröffnete Diakoniedirektorin Barbara Eschen die digitale Auftaktveranstaltung des Aktionsfeldes Seelische Gesundheit und begrüßte die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 

Abbau von Barrieren und Schaffung von Rahmenbedingungen

Für den Berliner Senat, so Ludger Jungnitz aus der Senatsverwaltung für Gesundheit und Pflege, sei der Titel der europäischen Freiwilligenhauptstadt ein Ansporn, die Rahmenbedingungen Engagement zu verbessern. Ehrenamt und freiwilliges Engagement stünden für den sozialen Zusammenhalt und Lebensqualität. Dabei betonte Jungnitz die Rolle des Staates als Ermöglicher und verwies gleichzeitig darauf, dass Berlin nicht bei null anfange. Durch die Berliner Ehrenamtsstrategie etwa, habe man bereits den Abbau von Barrieren, die Schaffung von Rahmenbedingungen und die Chancen der Digitalisierung im Blick. Ebenso spiele die öffentliche Anerkennung und Würdigung des freiwilligen Engagements eine wichtige Rolle, so Jungnitz. Anschließend stellten Ehrenamtliche der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ihre jeweiligen Arbeitsbereiche vor: Telefonseelsorge und das Corona-Seelsorgetelefon, das Elterntelefon Berlin-Brandenburg, die Online-Beratung für Kinder und Jugendliche, das Kinder- und Jugendtelefon Berlin, die russischsprachige Telefonseelsorge Telefon Doweria sowie das Muslimische Seelsorgetelefon MuTes

„Telefonseelsorge ist wie Coca-Cola – alle Welt kennt es, aber niemand weiß, was drin ist.“

Uwe Müller, Leiter der kirchlichen Telefonseelsorge Berlin

“Telefonseelsorge ist wie Coca-Cola – alle Welt kennt es, aber niemand weiß, was drin ist”, sagte Uwe Müller, Leiter der kirchlichen Telefonseelsorge Berlin. Corona habe dazu geführt, dass sich Ehrenamtliche, die zur Risikogruppe gehören oder mit dieser in Kontakt stehen, aus dem Dienst zurückziehen. Gleichzeitig war absehbar, dass das Gesprächsaufkommen und der Bedarf nach telefonischer Beratung steigen werden. So war die Idee des Corona-Seelsorgetelefons geboren. Cathrin Clift, die als Supervisorin und Ausbilderin für die Kirchliche Telefon-Seelsorge Berlin-Brandenburg arbeitet, koordiniert das Corona-Seelsorgetelefon. Mit der Telefonseelsorge von zu Hause, galt es, sich einen neuen Bereich zu erarbeiten, um die Gemeinschaft der Ehrenamtlichen zusammenzuhalten, so Clift. 

Anlaufstelle für Sorgen und Nöte

Sabine Marx leitet seit Mai 2012 die Diakonie-E-Mail-Beratung für Kinder und Jugendliche, ein Kooperationsprojekt zwischen DWBO und KiKA, dem Kinderkanal von ARD und ZDF. Sie berichtete, dass auch die Nachfrage nach Beratung durch das Elterntelefon Nummer gegen Kummer, nach dem 1. Lockdown enorm angestiegen sei. Und wo die Eltern sind, sind die Kinder nicht weit und somit ist auch das Kinder- und Jugendtelefon eine wichtige erste Anlaufstelle für die Sorgen und Nöte derer, die keine anderen erwachsenen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner kennen. “Die ehrenamtlichen Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger sind Übersetzter und Türöffner, Hilfekasten.”, so Marx. 

Türen in alle Abgründe

“Aber es tun sich auch Türen in alle Abgründe auf, die auch Teil und Vorbereitung der sehr guten Ausbildung sind (Bulimie, Cybermobbing, Sexualisierte Gewalt, etc.). Corona verstärkt die ohnehin labilen Verhältnisse”, erläuterte ein Ehrenamtlicher, der sich seit mehreren Jahren in der Kinder- und Telefonseelsorge engagiert.  Imran Sagir, Leiter der Muslimischen Telefonseelsorge (MuTes) und Tatjana Michalak, Leiterin der russischsprachigen Telefonseelsorge Doweria,  die ebenfalls ihren Bereich vorstellten, diskutieren in der anschließenden Podiumsdiskussion mit den anderen Haupt- und Ehrenamtlichen aus den vorgestellten Projekten über den akut gestiegen Beratungsbedarf, neue Aufgaben für ehrenamtliche Engagierte, Innovationsfreude und große Kooperationsbereitschaft. Die Podiumsdiskussion moderierten Dr. Christiane Metzner, Studienleiterin für Ehrenamt im Amt für kirchliche Dienste in der EKBO und Konrad Müller, Leiter des Freiwilligenzentrums des Diakonischen Werkes. Anschließend hatten die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Aktionsfeldes Seelische Gesundheit die Möglichkeit, sich in sechs parallel stattfindenden thematisch ausgerichteten Workshops untereinander auszutauschen. Themen waren: Corona, #E-Mental-Health, Engagierte Newcomer, Ehrenamt inklusiv, Seelische Gesundheit selber machen und europäische Kooperationen im Bereich der TelefonSeelsorge. 

psychologische Auswirkungen der Pandemie

Zum Abschluss der digitalen Auftaktveranstaltung hielt Dr. Annegret Wolf vom Institut für Psychologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg einen Vortrag zum Thema “Corona Side-Effects – Aktuelle Befunde zu den psychologischen Auswirkungen der Pandemie auf unseren Alltag“. Darauf folgte eine Diskussion, die mit reger Teilnahme und kontroversen Standpunkten den Tag zu einem gelungenen Abschluss brachte: Frau Dr. Annegret Wolf, bekannt auf dem MDR- Corona-Psychologie Podcast, mahnte mit Blick auf die psychischen Auswirkungen die bisher eher stiefmütterlich behandelte Rolle des Virus an. Neben der Pandemie lasse sich dabei auch eine Infodemie feststellen, deren Vielzahl teilweise sich widersprechender Informationen überfordernd wirke und eine Hilflosigkeit auslöse. Wichtig sei es dabei, handlungsfähig zu bleiben, Planbarkeit zu schaffen und ein gewisses Maß an Kontrolle wiederzuerlangen. Mentale Belastungsprobleme, die sich derzeit bei vielen abzeichneten, träfen dabei besonders das Pflegepersonal, so Wolf. “Die Pandemie-Maßnahmen sollen vor einer Infektion schützen, aber führen auch dazu, dass (neue) Krankheiten entstehen oder dass es zu Folgeschäden kommt”, erläuterte Wolf. Während ältere Menschen dabei verhältnismüßig gut durch diese Pandemie gekommen seien, “weist jedes dritte Kind Belastungsstörungen auf. 8 von 10 Kindern geben geminderte Lebensfreude an, auch Kopfschmerzen und Rückenschmerzen.” Auch hier könne es durchaus Sinn machen, Jugendliche stärker ins Ehrenamt holen, um sie sozial einzubinden, schlug Wolf vor. 

Die digitalen Auftaktveranstaltung ist die erste Veranstaltung des Aktionsfeldes “Seelische Gesundheit” der Europäischen Freiwilligenhauptstadt Berlin 2021, das verschiedene Akteurinnen und Akteure aus dem Feld zusammenbringt.