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“Alle” ins Engagement holen? – Woran es scheitert und wie es gelingen kann

Welchen Wandel brauchen wir, damit die Situation in einem Jahr eine andere ist als heute? Welche Wege gehen innovative Organisationen schon heute, um Menschen in ihren individuellen Lebenslagen anzusprechen und die für sie passende Form des Engagements zu finden? An welchen strukturellen Stellschrauben können Politik und Verwaltung drehen, um dem Ziel ein Stück näher zu kommen? Welche Fortschritte wurden seit Veröffentlichung der Berliner Engagementstrategie gemacht? Wer am 17.06. nicht dabei sein konnte, bekommt hier nun eine Aufzeichnung des Abends!

© Ray Sangga (Unsplash)

Termindruck, Alltagsstress und Veränderungsbereitschaft – unsere schnelllebige Gesellschaft kann ganz schön herausfordernd sein. Das Gefühl stets verfügbar und flexibel sein zu müssen, ist kein Einzelphänomen. Was bedeutet das für Menschen, die sich engagieren und für den guten Zweck einbringen wollen? Denn gerade in Deutschland steht das Ehrenamt nicht selten sinnbildlich für Verbindlichkeit. Es wird getragen von Menschen, die verlässlich über viele Jahre auffangen, was ansonsten liegen bleiben würde. 

Doch schon heute merken wir, dass viele Formen des klassischen Engagements nicht mehr zeitgemäß sind. Gerade jüngere Engagierte suchen flexiblere Möglichkeiten, um sich einzubringen: zeitlich begrenzt, ortsungebunden und unbürokratisch. 

Ebenso verändern sich individuelle Lebenslagen immer schneller und radikaler: Heute noch einen Job in der Hauptstadt, verschlägt es einen morgen in die Provinz. Wohin mit der Motivation fürs Engagement? Und vor allem: Wie können Organisationen, die auf Ehrenamt und Engagement angewiesen sind, solche Übergänge adressieren und sich zu Nutze machen? 

Um all diese Fragen zu diskutieren, haben wir vier Gäste aus ganz unterschiedlichen Kontexten eingeladen: 

  • Josi Hübner von der Initiative Fridays for Future 

  • Valentina Michaelis aus der Organisation Viva con Agua 

  • Konrad Müller von der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz 

  • Klaus-Peter Licht von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales 

Die Veranstaltung moderierte Katja Jäger aus dem EVC-Projektteam. 

Zum Einstieg ging es um das Konzept “Hop-on / Hop-off" – also Menschen den schnellen Einstieg ins Engagement zu ermöglichen und sie dann auch wieder wohlwollend ziehen zu lassen, wenn die Luft raus ist. Was Valentina Michaelis von Viva con Agua hier als Erfolgsrezept ihrer Organisation präsentierte, stieß bei Klaus-Peter Licht von der Senatsverwaltung auf eher wenig Verständnis. Es brauche Menschen, die sich für längere Zeit verpflichten – wer wolle sonst Ausbildungen zur Übungsleiterin oder zum Übungsleiter machen? Wer könne sonst Bindung und Vertrauen zu Menschen aufbauen – etwa im Bereich psychosozialer Beratung?  Josi Hübner konnte der hohen Fluktuation bei Fridays for Future wiederum viel Positives abgewinnen: Dieser stetige Wechsel, sagt sie, bringe stetig neue Ideen und Perspektiven in die Initiative. Und diese Flexibilität fördere das freiwillige Engagement in der Zukunft: “Falls Leute bei Fridays for Future sind oder waren, sind sie danach nicht weg (…) Leute, die vor einem halben Jahr bei Fridays for Future gesehen habe, sehe ich dann vielleicht bei anderen Demos oder Initiativen wieder.”, erzählt Josi Hübner. Konrad Müller sah dabei Gemeinsamkeiten: “Letzten Endes sind Fridays for Future und Viva con Aqua genau auf der gleichen Ebene [wie die Diakonie] unterwegs: da gibt’s ein Problem, an das wollen wir gerne ran und versuchen, es zu lösen. Ich denke, dass wir alle gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Diese Definition “das ist langfristig und das ist nur kurzfristig” - da geht vieles ineinander über.” Klaus-Peter Licht betonte, dass es wichtig sei, nicht nur Vorschläge, sondern auch Räume für die (bestehenden) Ideen zu geben. 

Nach einem Austausch in Kleingruppen mit allen Teilnehmenden zu den Themen “Stabilität und Struktur”, “Junges Engagement” und “Berliner Engagementstrategie” kamen alle motiviert mit neuen Ideen zurück. Zentrale Erkenntnisse waren etwa, dass wir Ressourcen gemeinsam nutzen und zusammenarbeiten müssten (zwischen Organisationen) und mehr “mit” statt “über” Menschen zu reden, um sie ins Engagement zu bringen. Hier kam insbesondere das Thema Inklusion und Ehrenamt auf. Die sogenannte “Institutional Readiness”, also die Fähigkeit von Organisationen Menschen mit Behinderung in ihr Tagesgeschäft miteinzubeziehen, sei zum jetzigen Stand mitnichten gegeben, so Konrad Müller.  

Wer noch tiefer einsteigen will: hier ist die Aufzeichnung der Diskussion: