Einblicke

18.08.2021

Werner setzt sich für wohnungslose Menschen ein

Werner engagiert sich bei der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e.V. Er war selbst einmal wohnungslos in Berlin – nun möchte er anderen wohnungslosen Menschen eine Stimme geben und Vorurteile abbauen.

Ich bin Werner, 79 Jahre jung und arbeite ehrenamtlich bei der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e.V. Mein Engagement bedeutet mir sehr viel. Wir geben Menschen, die in Armut leben, eine Stimme, um sich zu artikulieren und um auf Missstände hinzuweisen. Wir bauen Vorurteile gegen wohnungslose und arme Menschen ab. Ich bin seit 2016 dabei, habe mich aber vorher in politischen Parteien engagiert. Ich war selbst mal fünf Monate wohnungslos. In meinem Fall war es so, dass meine Ehe nicht mehr funktionierte und ich weggegangen bin aus der Stadt, wo ich gelebt habe und nach Berlin gekommen bin. Als ich nach Berlin kam, habe ich bis dahin ein bürgerliches Leben geführt.

Unvorbereitet kam ich nach Berlin und fiel somit in die Wohnungslosigkeit. Ich hatte nicht ausreichend Geld, um in ein Hostel oder Hotel zu gehen und da habe ich meine Nächte in einer Notunterkunft verbracht. Damals bin ich tagsüber als Straßenzeitungsverkäufer auf die Straße gegangen und habe den Straßenfeger verkauft. Ich bin dann später in den Vertrieb vom Straßenfeger gewechselt. Am Ostbahnhof und am Bahnhof Zoo gab es einen Verkaufswagen des Straßenfegers. Dort haben die Menschen den Straßenfeger für kleines Geld gekauft, um ihn dann mit 90 Cent Gewinn weiterzuverkaufen. Das habe ich eine Zeitlang gemacht.

Auf der Straße sind mir die Menschen immer freundlich begegnet. Ich muss dazu sagen, dass ich mich immer vernünftig gekleidet und vernünftige Umgangsformen mit den Menschen an den Tag gelegt habe. Eine einzige Situation, wo ich mal übel beschimpft worden bin, war von einem jungen Mann im Schlosspark Sanssouci, wo ich mein Produkt an den Mann und an die Frau bringen wollte. Das hat mir sehr wehgetan und ich habe also meine Sachen eingepackt und bin wieder zurück nach Berlin gefahren. Eine weitere, krasse Situation war, als ich im Ostbahnhof einem Raubüberfall zum Opfer gefallen bin. Da kamen zwei Personen, die mich mit einem Messer bedroht haben und alles gefordert haben, was zu fordern ging. Das war das schlimmste Erlebnis, was mir jemals in meinem Leben begegnet ist.

„Ich habe versucht, mich wieder einzugliedern, um ein vernünftiges Leben zu führen, nicht ausgegrenzt zu sein und eben auch ein Leben zu führen, das mich auch erfüllt. Das fand ich in Form von Engagement bei der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e.V.“

Werner

Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e.V. ist ein bundesweit organisierter Verein. Da haben sich ein paar Menschen auf den Weg gemacht, um wohnungslose Menschen zu unterstützen, dass sie sich organisieren können und eine Stimme nach draußen haben, um in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. 2016 gab es in Freistatt, bei Diepholz, ein Wohnungslosen-Treffen. Und bei diesem ersten Treffen kamen 87 Menschen für eine Woche zusammen. Es gab Workshops, Freizeit und Kultur, um auch den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich weiterzuentwickeln und um der Wohnungslosigkeit entgegen zu wirken. Ich hatte dann die Idee, eine Theatergruppe ins Leben zu rufen. In vielen Workshops haben wir Rollenspiele und kleine Scharaden aufgeführt, und unser erster Auftritt war etwa vor drei Wochen in Hannover während eines Theaterworkshops. Wir hatten eine Theaterpädagogin, die uns ein bisschen unterrichtet hat. Wir hatten unsere erste Aufführung vor etwa 100 Personen und es war ein toller Erfolg.

In vielen Städten gibt es caritative Vereine wie Caritas, Diakonie, die Arbeiterwohlfahrt und viele andere Organisationen, die auch einen Etat haben, helfend einzugreifen und die größte Not wohnungsloser Menschen zu lindern. Aus der Wohnungslosigkeit heraus zu kommen erfordert für meine Begriffe aber auch ein bisschen Selbstengagement und Kraft. Im Grunde genommen ist es sehr schwer, wenn man einmal abgestempelt ist, aus der Wohnungslosigkeit wieder rauszukommen. Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und hatte auch soziale Kontakte. Eines Tages kam ein Mensch zum Straßenfeger, der in einer Einrichtung arbeitete, die mit wohnungslosen Menschen zusammenarbeitet. Wir haben uns ausgetauscht, ich habe meine Situation geschildert und gesagt, dass ich gerne wieder ein normales Leben führen möchte. Zu dem Zeitpunkt, das war im Jahr 2006, gab es die Möglichkeit, betreutes Wohnen in Anspruch zu nehmen. Betreutes Wohnen heißt, dass einem bei Ämtergängen und anderen Sachen, die erforderlich sind, um wieder den Absprung zu schaffen, geholfen wird. Ich hatte einen Schufa-Eintrag und ohne positive Schufa ist es unglaublich schwer eine Wohnung zu bekommen. Das kann man nur mit Hilfe von anderen Institutionen erreichen. Die Organisation AMOS hat mich dann in ihr Programm aufgenommen und die Kosten wurden vom Sozialamt getragen. In dieser Wohnung wohne ich jetzt schon seit 2006.

„Was wohnungslose Menschen neben einer Wohnung brauchen, ist Teilhabe am gesellschaftlichen Leben! Nicht nur die gewöhnlichen Dinge, sondern auch kulturelles Leben, Abwechselung, Freunde, und einfach auch ein Umfeld, wo man sich gemäß den eigenen Talenten oder Fähigkeiten entfalten kann.“

Werner

Teilhabe zu ermöglichen - das erfordert ein großes Umdenken der Regierenden, d.h. die Gesellschaft muss sich positiv verändern. Es muss für jeden Menschen bezahlbarer Wohnraum vorhanden sein, sodass er nicht erst in die Wohnungslosigkeit fällt. Und die Gesellschaft muss weg vom egoistischen Handeln hin zum positiven Denken gegenüber der Person, der man gegenübersitzt oder steht. Ich habe für 38 Quadratmeter gut 500 Euro bezahlt. Das ist für mich, ich habe eine kleine Rente, nahezu unerschwinglich. Am Ende des Geldes ist noch ein Tag übrig, sag’ ich mal so scherzhaft. Und so geht es vielen Menschen. Wie es ja auch bekannt ist, lebt in diesem Land jede(r) 6. an der Armutsgrenze.

Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e.V.

Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen ist eine Plattform wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. Sie engagieren sich für eine bessere Welt, die Überwindung von Armut, Ausgrenzung, Missbrauch, Entrechtung und Wohnungslosigkeit sowie für die Verbesserung konkreter Lebenssituationen. Ihr Motto: „Alles verändert sich, wenn wir es verändern!“ Zur Selbstvertretung gehören Gruppen, Vereine, Einzelpersonen, Projekte, Initiativen, Unterstützende und Gleichgesinnte. Die Vernetzung und Zusammenarbeit erfolgt auf Basis selbstbestimmter Regeln.

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