Einblicke

01.06.2021

Michaela gibt Menschen auf dem letzten Lebensabschnitt Würde

Michaela begleitet Menschen, die am Ende eines langen Lebens stehen. Sie bringt etwas Ablenkung in den Alltag der Menschen und gibt ihnen ihre Würde zurück. So verbringen Zeit sie zusammen und gehen zusammen spazieren, unterhalten sich über das eine oder andere Erlebte - oder sie genießen zusammen die Stille.

© privat

Wir alle haben Angst vorm Sterben. Ich auch. Noch mehr haben wir Angst, dass wir in der allerletzten Etappe im Leben schwach und hilflos werden könnten, dass da niemand sein wird, der uns Zuwendung gibt.  

Was macht man am schlausten, wenn man Angst hat? Richtig! Man stellt sich ihr – das ist die beste Reaktion in solchen Situationen. Und man kann sogar die eigene Angst in etwas sehr Positives umwandeln, indem man nämlich zu genau diesen Menschen geht, die bereits heute in dieser so gefürchteten Lebensphase sind. Zu Menschen, die am Ende ihres Lebens angekommen, die krank, hilfsbedürftig und einsam sind.  

Im Bucher Boten, der Lokalzeitung unseres Pankower Stadtteils, las ich, dass Ehrenamtliche gesucht werden, die sich gerne dieser Aufgabe widmen möchten. So saß ich eines Tages mit sieben anderen Frauen in einem Vorbereitungsseminar des ambulanten Hospiz- & Palliativdienstes V.I.S.I.T.E. des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg, um alles zu lernen, was man wissen und können sollte, wenn man Menschen am Ende ihres Lebens etwas Abwechslung, Freude und Zuwendung bringen und eventuelle körperliche Beschwerden lindern möchte.  

Neun Monate sollte unser Kurs dauern, einmal in der Woche drei Stunden am Abend wurden wir zu wechselnden Themen durch kompetente Referentinnen und Referenten gründlich für dieses anspruchsvolle Ehrenamt geschult. Inzwischen bin ich über drei Jahre dabei und ich gebe zu: Diese Aufgabe ist nicht nur ein Geben. Ich selbst nehme oft etwas mit von meinen Besuchen bei Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben. Sei es die Würde, mit der sie das Schicksal ihrer unheilbaren Krankheit, des nahenden Todes, tragen. Seien es Erinnerungen, die ich mit ihnen teilen kann, ein gutes Gespräch, eine Lebensweisheit, die mir mit auf den Weg gegeben wird. Manchmal halte ich nur eine Hand und bin einfach da, ein andermal kann ich etwas vorlesen, das für eine Weile eine andere Welt eröffnet oder eine Erinnerung weckt und so Ablenkung bringt.  

„Ich habe einem hochbetagten Herrn ein altes Volkslied vorgesungen und plötzlich sang dieser, der sonst kaum noch etwas zu verstehen schien, mit klarer, wenn auch zittriger Stimme mit. Er erinnerte sich an jedes Wort, jede Strophe und konnte mir sogar erzählen, dass er früher im Männergesangsverein mitgesungen hatte.“

Michaela Langer

Oder der kluge 93-Jährige, mit dem ich immer übers Weltgeschehen diskutieren konnte, der mir sein ganzes, schweres Leben erzählt hat und der mir einmal beim Abschied sagte, er sei immer ganz aufgekratzt, wenn ich dagewesen bin. Man muss wissen: Dieser Herr hatte vor meinen Besuchen schon lange mit niemandem mehr sprechen können, denn seine Frau war lange tot und eine Familie hatte er nicht mehr.  

Besonders schön ist es, wenn ich jemanden mit zu einem Spaziergang an die frische Luft nehmen kann – im Rollstuhl, am Rollator oder an meinem Arm ist es dann möglich, die Natur zu genießen, Sonne zu tanken. Einem meiner Schützlinge konnte ich so sogar noch ein paarmal ihren geliebten Kirchenbesuch ermöglichen. So kann ich mit meinen Besuchen immer wieder ein wenig Erinnerung wecken und ein kleines Strahlen ins Gesicht meines Gegenübers zaubern. Auch, wenn es nicht viel ist, so ist es doch, als ob die Sonne durch einen ganz kleinen Riss in den Wolken leuchtet. Und auch darüber freut sich ja der Mensch, selbst wenn der Himmel danach wieder grau wird. Und die Hoffnung bleibt auf ein nächstes Mal, dass der Himmel erneut ein wenig aufreißt. 

V.I.S.I.T.E. - Ambulantes Hospiz & Palliativberatung

Unter Anleitung hauptamtlicher Koordinatorinnen besucht und begleitet ein engagiertes Team von Ehrenamtlichen Schwerstkranke und Sterbende. Es gibt Beratungsangebote für Betroffene, Angehörige und Freunde und es werden Pflegedienste und Sozialleistungen vermittelt. V.I.S.I.T.E. begleitet Menschen zu Hause, in Pflegeheimen, Wohngemeinschaften, im Krankenhaus oder Einrichtungen der Behindertenhilfe begleitet.

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