Einblicke

15.10.2021

Gertrud engagiert sich gegen das Vergessen

Bei der Zeitzeugenbörse e.V. kümmert sich Gertrud darum, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Sie vermittelt Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an Schulen und Medien und hält Erlebnisse von ihnen schriftlich fest. Indem sie die Geschichten von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dokumentiert und verbreitet, setzt sie sich auch gegen rechtsextreme und antisemitische Tendenzen in der Gesellschaft ein.

© Landesfreiwilligenagentur Berlin

Ich bin 2000 nach Berlin gezogen und ich suchte dann eine neue Beschäftigung für meine Freizeit. Im Freiwilligenbüro gab es verschiedene Angebote. Dort habe ich die Zeitzeugenbörse gefunden. Ich bin allmählich reingewachsen in die Arbeit. Zuerst habe ich wie alle Neuen mit Vermittlungsarbeit angefangen. Dafür habe ich ein Schema gemacht, was für Soziologen auch naheliegt, um die Erlebnisse der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen irgendwie zu klassifizieren, damit man sie leichter zu den Anfragen finden und zuordnen kann. Dann habe ich angefangen kleinere Broschüren zu machen, um Erinnerungen festzuhalten. Eigentlich hat sich meine Tätigkeit dann immer mehr in diese Richtung bewegt.  

Mein Ziel oder auch das der Leute, mit denen ich zusammenarbeite – darunter sind auch viele junge Leute - ist es besonders die ältesten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu würdigen und deren Erlebnisse festzuhalten. Da diese Themen, über die sie reden können, auch in Schulen und Bildungsinstitutionen und bei Journalistinnen und Journalisten sehr gefragt sind, erweisen wir ihnen auch einen Dienst, weil wir ihnen das Material zur Verfügung stellen und ihnen helfen, vor allem die Geschichte Berlins, aber auch die ganz Deutschlands im 20. Jahrhundert besser zu verstehen. 

„Was mich und auch andere Kolleginnen und Kollegen in der Zeitzeugenbörse besonders beschäftigt, (…) sind die Tendenzen, die wir gar nicht erwartet hätten - ich jedenfalls nicht - zum Beispiel rechtsextreme oder antisemitische Tendenzen. Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass wir alle gemeinsam daran arbeiten, solchen Tendenzen entgegenzutreten, auch durch vermehrte Aufklärung zum Beispiel über Krieg, Nachkriegszeit, Holocaust und Nazi-Machenschaften. Ich glaube, dass Aufklärung auch dazu beiträgt, diesen Tendenzen entgegenzuwirken.“

Gertrud

Eine Herausforderung in unserer Arbeit ist das Alter der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Wir haben immer das Gefühl, wir müssen jetzt deren Erlebnisse festhalten, bevor sie sterben, wir müssen uns also beeilen in gewisser Weise.  Eine weitere Herausforderung ist auch, dass wir uns mit den neuen Medien irgendwie beschäftigen müssen und die Angebote der Zeitzeugenbörse auch über andere Kanäle als nur über eine Webseite anbieten wollen. Diese Herausforderung haben wir meiner Meinung nach auch noch nicht so richtig gemeistert, wir wissen noch nicht so genau, ob wir bei YouTube oder Facebook oder Instagram und sonst wo tätig sein sollen. 

Eine Möglichkeit die Herausforderungen zu lösen, ist sicherlich so viel wie möglich mit anderen zusammenzuarbeiten, also sowohl in einem Team zu arbeiten - das bietet sich immer an und in der Soziologie liegt das sowieso nah - aber auch sich möglichst zu vernetzen. 

Junge Leute sind wichtig für unsere Arbeit. Wir werden in den nächsten 2 Jahren ein großes Projekt machen, was sich mit migrantischen Zeitzeugen beschäftigt und da sind mehrere junge Leute dabei. Dann gibt es auch noch junge Leute, die sich engagieren wollen, um Podcasts herzustellen. Da das eine neue und uns unbekannte Form der Zeitzeugenarbeit ist, freuen wir uns natürlich, wenn wir damit junge Leute begeistern können für diese Arbeit. 

Dieses Portrait stammt aus dem Wettbewerb “Gestalter:innen der Zivilgesellschaft” der Landesfreiwilligenagentur Berlin e.V. des Landesnetzwerks Bürgerengagement Berlin. Mit dem Wettbewerb sollten all jene Gestalterinnen und Gestalter der Zivilgesellschaft in Berlin in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden, die noch nicht so bekannt sind und noch nicht ausgezeichnet wurden. Gerade sie sollen für ihren besonderen Einsatz gewürdigt werden. Ausgezeichnet wurden fünf Wegbereiter:innen und Umsetzer:innen von Mitmenschlichkeit und Gemeinwohlorientierung. Kriterien waren: Engagement leisten – Integratives Handeln vorantreiben – Inklusion und Diversity fördern – Transparent und verantwortungsvoll handeln – Wirksamkeit erzielen – Europäische Werte einbeziehen – Vorbild und Anstifter:in sein. Die Bekanntgabe der Gewinner:innen des Wettbewerbs erfolgte im Rahmen der 11. Berliner Engagementwoche im September. Wettbewerbs-Schirmherrin war Senatorin Elke Breitenbach.

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