Einblicke

10.05.2021

Felix: etwas zurückgeben

Als Felix nach seinem Jahr in den USA zurück nach Deutschland kam, wollte er seine Freizeit mit etwas Sinnvollem und Wohltätigem verbringen. Nachdem er eine Möglichkeit gefunden hatte, begann er 2015, sich ehrenamtlich bei den Maltesern als Lehrer in einer Neuköllner Notunterkunft zu engagieren. Seitdem ist er Teil der Ehrenamts-Community und hat viele talentierte, leidenschaftliche Menschen unterrichtet.

© Fotocredit: Janine Sametzky

Hi, ich bin Felix, 29 Jahre alt und seit mittlerweile 10 Jahren in Berlin. Hier habe ich Germanistik und Anglistik im Bachelor studiert, im Master dann Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und arbeite mittlerweile als Strategieentwickler in einer Unternehmensberatung.  

Als ich 2013 für ein Jahr in die USA zog, kam ich nicht wie viele andere wieder und wünschte mir die Zeit dort zurück. Das Jahr dort hat mich vor allem gelehrt, wie wichtig soziale Sicherungssysteme und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind. Denn wenn sie wie in Amerika fehlen, fällt buchstäblich alles zusammen, es entsteht ein unerträgliches Maß an Armut, Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Zurück im Land der hohen Steuersätze und Sozialleistungen fühlte ich mich deshalb extrem motiviert, einen Teil meiner Freizeit für etwas wirklich Sinnvolles und Gemeinnütziges zu investieren.  

Das war 2015, noch bevor man wie heute von Privilegien oder “etwas zurückgeben” sprach und es für viele zu einer leeren Floskel wurde. Aber genau diese beiden Grundgedanken sind es, weshalb ich seit 6 Jahren für Maßnahmen und Projekte der Malteser tätig bin und junge Geflüchtete in ihren verschiedenen Lebenslagen unterstütze. Angefangen habe ich ganz zu Beginn in der Notunterkunft in Berlin-Neukölln, wo ich für Kinder und Jugendliche einmal die Woche Englisch- und Deutschunterricht angeboten habe. Eine Facebook-Nachricht an einen Bekannten, der so etwas dort anbot und ich war drin. Nach etwa einem Jahr wurde diese Unterkunft aufgelöst und ich wechselte mit meinem Angebot zum Malteser-Sitz in Charlottenburg und schließlich zur Unterkunft am Rohrdamm an der Grenze zu Spandau.  

„Meine Erfahrung als Freiwilliger hat mir meine Privilegien bewusst gemacht, auch den Wert von Bildung. Außerdem hat sie mich geerdeter gemacht und mich grundlegend verändert.“

Felix

Zu Anfang fühlt es sich komisch an, das eigene Wissen ohne Lehramtsausbildung an andere weiter zu geben: Bin ich überhaupt qualifiziert genug für all das? Diese Frage schreckt viele Leute vor dem Einstieg ins Ehrenamt ab, habe ich mitbekommen. Dabei lohnt sich der Sprung ins kalte Wasser, denn schon in beim ersten Treffen lernt man, dass man mehr zu geben hat als man vielleicht dachte. Neben den Sprachkenntnissen, die ich vermittle, geht es genauso um kulturelles Wissen, den Umgang mit deutschen Behörden und das Signal, dass sich Deutsche für die Menschen interessieren, die neu in unser Land kommen. Denn die abgeschotteten Unterkünfte für Geflüchtete, mediale Panikmache und die der Privilegiertheit geschuldete Blindheit, mit der viele Akademikerinnen und Akademiker durch die Welt gehen, sorgen dafür, dass eine Gesellschaft sich immer mehr segregiert. Sich keine Gedanken um das Gelingen oder Scheitern der eigenen Existenz in einem neuen Land machen zu müssen, ist ein Luxus, den die meisten nicht zu schätzen wissen. Gleichzeitig bietet eine ehrenamtliche Tätigkeit die Chance, das persönliche Wissen auch anderen zur Verfügung zu stellen und seine Bedeutung damit zu vervielfachen.  

Mein Ehrenamt hat mir nicht nur den Wert und die Nicht-Selbstverständlichkeit meiner Bildung vor Augen geführt, es hat mich geerdet und grundlegend verändert. Seit ungefähr zwei Jahren habe ich hauptsächlich zwei Mentorees und Freunde im Rahmen des Malteser “Integrationslotsen”-Programms, die ich einmal die Woche sehe und mit ihnen Bewerbungen schreibe, Präsentationen für die Schule erstelle oder ihnen Tipps für die Wohnungssuche gebe. Dazu unterstütze ich im Rahmen der Malteser Kompetenzwerkstatt und SINGA einen weiteren jungen Mann bei der Suche eines Ausbildungsplatzes und gebe Workshops zu PC-Grundlagen.  

Als einer meiner Schüler Ende 2020 seine Zusage für eine Ausbildung an der Charité bekam, hat sich all die Zeit, die ich dafür investiert hatte, tausendfach gelohnt. Bestimmt hätte er es auch ohne mich geschafft. Trotzdem ist es schön, jemanden zu haben, der Hilfe gibt, wenn man sie braucht. Ein Ehrenamt anzufangen, ist einfacher als es aussieht. Die meisten Programme sind sehr flexibel gestaltet, ich bringe als Ehrenamtlicher das ein, womit ich mich am besten auskenne und was mir Spaß macht. Dabei fühlt es sich nicht wie ein zusätzlicher Job an, wenngleich es der Energie, die ich hineingebe, sehr viel Wert gibt. Ich sehe mein Ehrenamt vor allem als interkulturelle Freundschaften, in denen beide Seiten viel voneinander lernen und sich das Leben gemeinsam besser verstehen und meistern lässt. 

 

Malteser Kompetenzwerkstatt: Selbstbestimmt zur beruflichen Teilhabe

Die Kompetenzwerkstatt ist ein Kooperationsprojekt der Malteser Werke und SINGA, und wird für eine Laufzeit von drei Jahren von der Aktion Mensch gefördert. Das Projekt soll neuzugewanderte Menschen im Alter von 18-27 Jahren bei der Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzstärkung unterstützen. Selbstbestimmt Visionen zu entwickeln und langfristige berufliche Teilhabe stehen dabei im Fokus. Im Rahmen eines zweimonatigen modularen Trainingsangebots und eines auf Dauer angesetzten Mentoringprogramms werden die jungen Menschen dabei begleitet.

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